canjou – Thesis

Diese Thesis untersucht, wie ein kulturelles Verständnis der Mensch-Ding-Beziehung zur Förderung von Reparatur und nachhaltigem Konsum beitragen kann. Am Beispiel des soziokulturell wichtigen Objekts Fahrrad wird gezeigt, wie Dinge durch Reparatur nicht nur funktional, sondern auch symbolisch und narrativ aufgewertet werden können. Philosophische und gestalterische Konzepte wie Kintsugi und Wabi-Sabi bilden die theoretische Grundlage. Aus diesen Erkenntnissen soll die Marke Canjou entstehen. Canjou macht Reparatur sichtbar, zugänglich und zu einer Aufwertung des Objekts. So entsteht ein Gegenentwurf zur Wegwerfkultur sowie eine gestärkte Bindung zwischen Mensch und Ding.

Informationen zur Thesis

Vorwort

Das Fahrrad ist ein Fortbewegungsmittel, das mich seit vielen Jahren täglich begleitet und für mich eine besondere Art von Freiheit bedeutet. Als Kind konnte ich mich nie fürs Radfahren begeistern. Ich empfand es als lästig, mich um mein Fahrrad zu kümmern und sah es als ein Objekt, das seinen Zweck erfüllen sollte, mich von A nach B zu bringen. Viele Menschen sehen dies wahrscheinlich genauso. Für mich änderte sich dieses Verhältnis jedoch, als ich neben meinem Abitur begann, als Fahrradkurier bei einer Apotheke zu arbeiten. Plötzlich wurde das Fahrrad zum Arbeitswerkzeug und ich hatte die finanziellen Möglichkeiten, mein Fahrrad selbst auszusuchen und zu gestalten. Mit dem Job als Fahrradkurier fühlte ich mich der Szene der Bike-Messenger zugehörig und das Fahrrad wurde zur Eintrittskarte in diese Szene. Das Fahrrad ermöglichte mir, mich selbst nach außen zu repräsentieren und machte mich auch auf eine gewisse Weise stolz. Jede kleine Veränderung am Fahrrad machte es ein Stück mehr zu meinem eigenen. Das Kümmern um das Rad, das ich in meiner Kindheit noch als so lästig empfand, machte auf einmal Spaß. So viel Spaß, dass ich es kaum erwarten konnte, dass etwas kaputtging, damit ich wieder an meinem Rad schrauben konnte.

Als ich meinen Job als Fahrradkurier nach dem Abitur aufgegeben hatte, merkte ich, dass mir die besondere Verbindung zum Fahrrad fehlte. Eigentlich wurde mir erst im Nachhinein klar, dass mich dies wahrscheinlich zum Rennradfahren geführt hatte. Durch das Rennradfahren entstand für mich eine neue Verbindung, die das Rad nicht nur zum täglichen Begleiter machte. Es wurde zu einem Sportgerät, mit welchem ich Distanzen zurücklegen, Orte sehen und Geschwindigkeiten erreichen konnte, die für mich sonst nur mit dem Auto möglich schienen. Der Aspekt der hohen Leistungsfähigkeit wurde nicht nur beim Fahren, sondern auch beim Schrauben am Fahrrad immer interessanter. Reifendruck, Aerodynamik, Gewichtsoptimierung, mit Wachs behandelte Kette und ähnliche Faktoren trieben mich dazu an, aus dem Fahrrad und mir das meiste herauszuholen. Das Instandhalten des Fahrrads entwickelte sich vom einfachen Reparieren zu einem Bestandteil, der fast so wichtig wurde wie das Rennradfahren selbst.

Diese Begeisterung führte vom Rennrad wieder zu meinem alltäglichen Rad zurück, welches ich nun auch optimieren wollte. Nicht zwingend, um seine Leistung zu verbessern, aber um den Komfort und die Praktikabilität im alltäglichen Leben zu steigern. Ich machte mir Gedanken über die spezifischen Anwendungsbereiche meiner Fahrräder und wie ich sie auf diese Bereiche hin verbessern könnte. So ist für mich eine starke Bindung zu den Fahrrädern entstanden. Ich könnte mir nicht vorstellen, diese jemals wegzugeben oder zu verkaufen, auch wenn es viele andere Räder auf dem Markt gibt, die mich interessieren würden.

Die Möglichkeit, an Fahrrädern selbst zu arbeiten und Änderungen vorzunehmen, ist je nach Art des Fahrrads noch sehr umfangreich, wird aber immer weniger, da viele Teile aus dem Automobilsektor auch im Fahrradbereich Einzug gehalten haben. Viele Fahrräder sind mit hydraulischen Scheibenbremsen oder Kohlenstofffaser-Teilen, auch CFK oder Carbon genannt, ausgestattet. Auch E-Bikes machen es zunehmend schwieriger, selbst am Fahrrad zu arbeiten. Kohlenstofffaser-Teile werden wegen ihrer Leichtbaueigenschaften oft für hochwertige Rennräder verwendet. Sie haben aber auch den Nachteil, dass ein Sturz oft zu einem Riss im Material führen kann. Das ist auch der Grund, weshalb ich mich gegen ein Rennrad mit Kohlenstofffaser-Teilen entschieden habe. Meist sind die Gabel und der Rahmen aus Carbon, weshalb ein Riss zu einer aufwendigen und teuren Reparatur führen würde.

Ein anderer Bereich, aus dem mir das Problem von Rissen im Material bekannt vorkam, ist das Thema Tee und Tee-Zubereitung, für das ich mich ebenfalls interessiere. Besonders japanischer Grüntee wird mit besonderen Teekannen, den sogenannten Kyusu, zubereitet. Die Herstellung dieser Teekannen findet oft in traditioneller Handarbeit aus japanischem Naturton statt. Ähnlich zur Herstellung gibt es in der japanischen Tradition auch eine angewandte Reparaturmethode, falls eine Teekanne Risse bekommt oder zerbricht. Diese Methode wird Kintsugi genannt. Übersetzt bedeutet Kintsugi so viel wie: „goldenes Zusammensetzen“. Bei dieser Reparaturmethode werden die Einzelteile mit einer dickflüssigen Masse verklebt und versiegelt. Diese Masse besteht aus Lack, der mit Goldpulver gemischt wird. Da die Reparatur sehr zeitaufwändig ist und dafür teure Materialien verwendet werden, entsteht durch die Reparatur eine Aufwertung des Objekts, welche die Schäden zelebriert und betont.

Diese beiden Themen brachten mich auf die Idee, die traditionelle Reparaturkunst Kintsugi mit den Hightech-Materialien aus dem Radsport zu verbinden. Außerdem sehe ich in dem Prozess der Reparatur als Aufwertung eine Möglichkeit, die Bindung zwischen Menschen und Objekt zu stärken und zu bewussterem Umgang mit diesem zu bewegen. Ähnlich wie der Job als Fahrradkurier, der meine Verbindung zum Fahrrad gestärkt hat.

1. Einleitung & Idee

Die zunehmende Menge an Abfall- und Reststoffen ist eine der fundamentalsten Herausforderungen unserer Gesellschaft und des globalen Ökosystems (Lu et al., 2024). Sollte sich die Entstehung von Abfällen in aktueller Geschwindigkeit entwickeln, wird sich die Wachstumsrate von Müll bis 2050 gegenüber der Wachstumsrate der Bevölkerung mehr als verdoppeln. Das Müllproblem betrifft alle, schadet aber besonders den Ländern, die bereits verwundbar sind. Dies zeigt sich besonders in gesundheitlichen Folgen und dem Verlust von Land und Besitz durch Erdrutsche, die an Müllhalden entstehen. Über 90 % der Abfälle von einkommensschwachen Ländern werden verbrannt oder nicht fachgerecht entsorgt (Kaza et al., 2018). Viele dieser Abfälle stammen ursprünglich aus einkommensstarken Ländern (Cotta, 2020). Ein besonders wichtiger Faktor ist die Verschmutzung durch Kunststoffe. Kunststoffe sind zentraler Bestandteil vieler Industrien. Verpackung, Medizin, Automobil und andere Sektoren sind auf die Verwendung von Kunststoffen angewiesen. Global werden etwa 368 Millionen Tonnen Kunststoff jedes Jahr produziert. 53 Millionen Tonnen davon sollen sich im Jahr 2030 in den Gewässern der Erde befinden (Borrelle et al., 2020). Die Herstellung von Kunststoffen soll jedoch weiter ansteigen und sich bis 2050 vervierfachen (Welle, 2023). Diese Kunststoffe beinhalten gesundheitliche Gefahren für viele Organismen.

Folglich ist das Recycling von Kunststoffen ein zentraler Aspekt, um den Einfluss auf die Umwelt zu reduzieren. Als Recycling bezeichnet man den Prozess, bei dem Kunststoffe in neue Produkte oder Materialien ähnlicher Art mit geringerer Qualität umgewandelt werden. Die niedrigere Qualität des Materials ergibt sich durch die Verarbeitungsprozesse. Upcycling hat das Ziel, Kunststoffe so zu verwerten, dass am Ende Produkte oder Materialien entstehen, deren Qualität das Ursprungsprodukt übertrifft. So entsteht oft ein neuer Zweck des Materials. Recycling und Upcycling können dazu beitragen den Energieverbrauch zur Herstellung neuer Produkte zu senken, Verschmutzung zu vermeiden sowie Ressourcen zu erhalten (Khairul Anuar et al., 2025, S. 6).

Die Aspekte des ökologischen Einflusses und des Kunststoffrecyclings sind auch für Kohlefasern relevant, da diese bei der Herstellung ebenfalls mit Kunststoffen fixiert werden. Außerdem werden ähnliche chemische Recyclingmethoden verwendet, um Kohlefasern aufzuwerten. Kohlefasern bestehen aus Kohlenstofffilamenten, die dünn, leicht und sehr fest sind. Diese Fasern allein können wegen ihrer spröden Eigenschaften nicht als Werkstoff verwendet werden. Um diese Filamente zu verbinden, wird eine sogenannte Bindematrix verwendet. Diese Matrix besteht aus flüssigen Kunststoffen wie Epoxidharz, Polyesterharz oder Vinylesterharz, die auf die Kohlefasern aufgetragen werden und aushärten. So entsteht der CFK (Kohlenstofffaserverstärkter Kunststoff) der auch als Carbon bezeichnet wird.

Kohlefasern zeichnen sich durch ihre Leichtigkeit und Stärke aus. Sie haben zudem korrosionsbeständige Eigenschaften. CFK wird durch thermische Behandlung und Oxidation bei sehr hohen Temperaturen hergestellt. Die Nachfrage an solchen Werkstoffen steigt täglich und ist für viele Industrien, die besonders leichte und stabile Teile herstellen, essenziell (Shafique et al., 2023). Sowohl der Herstellungsprozess als auch die hohe Nachfrage verursachen einen hohen Energieverbrauch und eine große Menge an Abfallprodukten. Allein durch die Sektoren Windkraft sowie Luft- und Raumfahrt sollen in China bis 2044 etwa 97.000 Tonnen Kohlefaserabfälle entstehen (Akbar & Liew, 2020). Diese Abfälle entstehen sowohl bei der Produktion als auch am Ende des Lebenszyklus eines Produkts. Demnach ist es wichtig, CFK zurückzugewinnen, um die Umweltbelastung zu verringern.

Besonders im Radsportbereich werden Teile aus CFK wegen ihrer Leichtigkeit und Festigkeit verwendet. Auch bei günstigeren Rennrädern wird oft die Gabel aus Carbon gefertigt, da es als Werkstoff neben seiner Stärke auch eine gewisse Flexibilität bietet. So können mögliche Stöße vom Untergrund abgefedert werden, um die Handgelenke zu entlasten. Auch Sattelstützen werden wegen der stoßdämpfenden Eigenschaften aus CFK gefertigt. Höherpreisige Rennräder werden oft auch mit einem CFK-Rahmen, Laufrädern oder Lenkern ausgestattet, um das Gewicht weiter zu reduzieren. Laut dem Rennradhersteller Canyon wiegt ein durchschnittliches Rennrad zwischen 7 und 9 kg. Diese Leichtigkeit und Vorteile der Stoßdämpfung sind nur mit CFK-Teilen zu erreichen. Somit nimmt der Trend zur Verwendung von CFK im Radsportbereich immer weiter zu.

CFK hat aber besonders im Radsportbereich einen Nachteil. Bei einem Sturz können CFK-Teile durch starke Einschläge brechen oder beschädigt werden. Bereits kleine Risse im Material können die Stabilität des gesamten Bauteils gefährden. Somit muss oft das gesamte Bauteil ausgetauscht werden (Nienheysen, 2023). Dies sorgt für eine große Menge an CFK-Abfallprodukten, die aus vorher genannten Gründen reduziert werden sollten. Besonders, da das Radfahren ein wichtiger Schritt in Richtung nachhaltige und emissionsarme Fortbewegung ist. Auch die verwendeten Materialien sollten zu einem CO₂-armen Fußabdruck der gesamten Radsportcommunity beitragen.

Abbildung 1: Bruch an der Kettenstrebe eines Carbon-Rahmens (Eigene Abbildung)


Aus der Kombination der genannten Themen Radsport und Kintsugi stellt sich die Frage, inwiefern ein philosophisch-kulturelles Verständnis der Beziehung zwischen Mensch und Objekt dazu beitragen kann Reparaturpraktiken im Radsport zu fördern. Darüber hinaus stellt sich die Frage inwiefern sich dieses Verhältnis durch kulturelle Konzepte wie Kintsugi stärken lässt, um einen nachhaltigen Umgang mit dem Objekt Fahrrad zu ermöglichen. Es bedarf einiger Faktoren, um sich mit der Reparatur eines Objekts zu befassen. Zu Beginn muss eine Bindung zwischen Mensch und Objekt bestehen, damit ein Objekt überhaupt eine gewisse Wichtigkeit im Leben der benutzenden Person hat. Dazu gilt es einerseits zu verstehen, dass überhaupt eine Bindung zwischen Objekt und Mensch besteht und diese meist komplexer ist als zuerst angenommen. Diese Bindung gilt es nun zu stärken. Außerdem ist es wichtig zu verstehen, welchen Mehrwert und welche Form von Glück ein Objekt birgt und wie sich dieses durch Reparatur sogar verstärken kann. Aus dieser Anerkennung entsteht ein geschwächtes Konsumverhalten. Ein Gegenstand, zu dem eine Bindung besteht, wird erhalten und weiter benutzt.

Zusätzlich ist es wichtig, den Prozess der Herstellung und die verwendeten Materialien zu verstehen. Dies sorgt einerseits dafür, erneut Wert und Bindung zu schaffen, da der Aufwand der Herstellung des Objekts deutlich wird. Andererseits kann Verständnis über Materialität dazu beitragen, die reparierende Person zu ermächtigen. Verständnis über Material und Aufbau ermöglicht es erst, eine Reparatur umzusetzen.

Ziel der Arbeit ist es, theoretische Perspektiven auf die Beziehung zwischen Mensch und Objekt, besonders im Sinne von Gebrauch und kultureller Bedeutung, auf das Fahrrad zu übertragen. Dabei sollen kulturelle Konzepte wie Kintsugi sowie philosophische und soziologische Theorien dazu dienen, Möglichkeiten aufzuzeigen, wie eine gestärkte Bindung zu Objekten entstehen kann. Dies soll letztlich zu einem bewussteren Umgang mit Konsum und einem gestärkten Reparaturverhalten führen. Hypothese dabei ist, dass durch ein vertieftes Verständnis von Materialität, Objektbeziehung und Aufwertungspraktiken ein verändertes Konsumverhalten entstehen kann, das Reparatur als aufwertenden und beziehungsfestigenden Akt begreift. Für den gestalterischen Teil meiner Arbeit soll die Marke Canjou entstehen, die es Radfahrer:innen ermöglicht, CFK-Teile selbst zu reparieren. Die Form der Reparatur soll zur Corporate Identity der Marke werden, einen Wiedererkennungswert bieten und zusätzlich eine Aufwertung des Fahrrads ermöglichen. Die Tätigkeit des Reparierens soll nicht nur das Rad im physischen Sinne reparieren, sondern auch die Bindung zwischen Mensch und Objekt erneuern. Dadurch sinkt das Verlangen nach Konsum und den Benutzer:innen soll zu neuem Glück und Zufriedenheit mit ihrem Rad verholfen werden. Das Reparieren soll wie eine Art Sammlung von Erinnerungen und Aufwertungen verstanden werden, die ihren Wert immer weiter steigern und die Geschichte des Objekts erzählen. Das Entstehen einer solchen Sammlung ist beim Rennrad als Gebrauchsgegenstand und Sportgerät unvermeidbar. Eine Beschädigung wird in jedem Fall irgendwann entstehen. Durch Reparatur und Kommunikation sollen außerdem die Materialien verständlich gemacht werden. Daraus resultiert erst die Ermächtigung zur Reparatur und eine gestärkte Bindung zum Objekt. Für die Umsetzung soll die Marke gestaltet und ausgestellt werden. Zur Gestaltung gehört die gesamte Identität der Marke sowie Assets und Auftreten. Ebenso soll die Marke im Raum kommuniziert werden. Dazu gehört eine Ausstellungsfläche für bereits reparierte Teile sowie die Kommunikation von Material und Herstellung.

Literatur- und Abbildungsverzeichnis:

2. Mensch & Ding

2.1 Das einzelne Subjekt

Laut Statistischem Bundesamt besitzt jeder Haushalt in Deutschland rund 10.000 Dinge. Vor hundert Jahren waren es schätzungsweise nur 180. Wieso ist die Menge an Besitztümern so stark angestiegen und wie verändert sie unsere Beziehung zu Objekten? Die Frage, was ein Objekt überhaupt ist, gehört zu den fundamentalen Diskussionen der Philosophie. Im historischen Rückblick hat sich bereits Aristoteles mit der Frage nach dem Ding beschäftigt und dieses definiert. Seine Ansichten sind Grundlage für den Diskurs anderer Theorien über Dinge und wie sie mit Menschen im Zusammenhang stehen.

Laut Aristoteles gibt es drei Bestandteile, um die Realität zu begreifen. Substanz, Akzidenzen und Ursachen. Die Substanz und die Akzidenzen, die man auch als Eigenschaften verstehen kann, beschreiben das Ding in seiner Essenz und seinen Merkmalen: „Denn es bezeichnet theils ein Was und einzelnes Etwas, theils dass Etwas ein Qualitatives oder Quantitatives ist oder einer andern dieser Kategorien angehört. Indem nun in so vielen Bedeutungen das Seiende gebraucht wird, so ist offenbar darunter die erste, in welcher man unter dem Seienden das Was versteht, welches die Wesenheit bezeichnet. Denn wenn wir aussprechen, wie beschaffen dieses Ding sei, so sagen wir, es sei gut oder böse, aber nicht, es sei drei Ellen lang oder es sei ein Mensch; wenn wir aber angeben, was es ist, so nennen wir es nicht weiß oder warm oder drei Ellen lang, sondern einen Mensch oder einen Gott. Das andere aber wird seiend genannt, insofern es an dem in diesem Sinne Seienden entweder eine Quantität oder eine Qualität oder eine Affection oder etwas anderes der Art ist“ (Aristoteles, 2020, S. 127). Die Substanz ist somit das, was an sich existiert. Ein Stuhl ist ein Stuhl, weil seine Substanz ein Stuhl ist. Die Akzidenzen, wie beispielsweise seine Farbe, sind zwar Eigenschaften, die ein Stuhl haben kann, sie machen aber nicht das Wesentliche des Stuhls aus. Ob der Stuhl rot oder schwarz ist, ändert nichts daran, dass er in seiner Substanz ein Stuhl ist oder nicht. Die Substanz besteht laut Aristoteles demnach immer zuerst, weshalb er sie auch als das „erste Seiende“ bezeichnet. Die Substanz ist also das, was dem Ding seine Identität gibt. Die Akzidenzen sind die Eigenschaften, die ein Ding zusätzlich zu seiner Identität haben kann.

Außerdem beschreibt Aristoteles, dass die Substanz eines Dings nicht nur Materie ist, sondern die wahre Identität durch die Form entsteht: „Also ist der Gegenstand der Untersuchung, weshalb etwas einem andern zukommt. Und ebenso: weshalb ist dies, z. B. Ziegeln und Steine, ein Haus? Es ist also offenbar, dass man nach der Ursache fragt (dies ist, um es allgemein begrifflich auszudrücken, das Wesenswas), welche bei einigen der Zweck ist, z. B. etwa beim Hause oder Bette, bei andern aber das erste bewegende; denn auch dieses ist Ursache“ (Aristoteles, 2020, S. 162–163). Ein Ding ist also eine Kombination aus Material und Form. Die Form bestimmt seine Identität. Der Stuhl ist kein Stuhl, weil er aus Holz gemacht ist. Allein wegen seiner Form ist er ein Stuhl. Handwerk oder Gestaltung formen das Holz, um eine bestimmte Funktion zu erfüllen. Dadurch wird der Stuhl zum Stuhl.

Über das Verständnis von Aristoteles hinaus haben sich im 20. Jahrhundert weitere Theorien entwickelt, die Objekte in einem umfassenderen Verständnis mit ihrer Umgebung beschreiben. Hier sind besonders die Theorien von Martin Heidegger zu erwähnen. Heidegger ist bei seiner Definition vom Ding besonders auf die Funktion eingegangen. In Heideggers Abhandlung Das Ding von 1950 wird der Unterschied zu Aristoteles’ Verständnis vom Ding durch Substanz besonders deutlich. In dieser Abhandlung beschreibt Heidegger am Beispiel eines Kruges, dass seine eigentliche Funktion in der Leere liegt, die er beinhaltet. Würde man sich wie Aristoteles auf die Substanz beziehen, dann bestünde der Krug aus einem Boden, Wänden und einem Griff. Wenn nun Wasser in den Krug gegossen wird, nimmt dieses aber den Platz der Leere im Krug ein: „Das Dinghafte des Kruges beruht darin, daß er als Gefäß ist. Wir gewahren das Fassende des Gefäßes, wenn wir den Krug füllen. Boden und Wandung des Kruges übernehmen offenbar das Fassen. Doch gemach! Gießen wir, wenn wir den Krug mit Wein füllen, den Wein in die Wandung und in den Boden? Wir gießen den Wein höchstens zwischen die Wandung auf den Boden. Wandung und Boden sind wohl das Undurchlässige am Gefäß. Allein das Undurchlässige ist noch nicht das Fassende. Wenn wir den Krug vollgießen, fließt der Guß beim Füllen in den leeren Krug. Die Leere ist das Fassende des Gefäßes“ (Bayerische Akademie der Schönen Künste & Podewils, 2019, S. 132). Die Substanz wirkt unbedeutender, viel wichtiger wird die Tätigkeit des Aufnehmens und Gießens, die den Krug zu dem macht, was er ist.

Für Heidegger ist also das Ding, das für uns zunächst Zeug ist, im Handlungskontext zu verstehen. Dinge entwickeln ihren Kontext und ihre Bedeutung erst im Gebrauch und in Bezug zur Welt des Menschen: „Zeug ist seiner Zeughaftigkeit entsprechend immer aus der Zugehörigkeit zu anderem Zeug: Schreibzeug, Feder, Tinte, Papier, Unterlage, Tisch, Lampe, Möbel, Fenster, Türen, Zimmer. Diese »Dinge« zeigen sich nie zunächst für sich, um dann als Summe von Realem ein Zimmer auszufüllen“ (Heidegger, 2001, S. 68). Allein durch den Charakter, den das Zeug laut Heidegger habe, sei es immer existent, um etwas zu tun. Aus diesem um-zu ergebe sich ein Verweis auf etwas anderes. Dieser um-zu-Charakter ergebe sich erst aus dem Gebrauch des Zeugs: „In solchem gebrauchenden Umgang unterstellt sich das Besorgen dem für das jeweilige Zeug konstitutiven Um-zu; je weniger das Hammerding nur begafft wird, je zugreifender es gebraucht wird, um so ursprünglicher wird das Verhältnis zu ihm, um so unverhüllter begegnet es als das, was es ist, als Zeug. Das Hämmern selbst entdeckt die spezifische »Handlichkeit« des Hammers“ (Heidegger, 2001, S. 69). Heidegger unterscheidet hier bewusst zwischen Handeln mit einem Objekt und nur Betrachten. Denn nur durch den Gebrauch des Zeugs selbst kann die Zuhandenheit verstanden werden: „Der nur »theoretisch« hinsehende Blick auf Dinge entbehrt des Verstehens von Zuhandenheit. Der gebrauchend-hantierende Umgang ist aber nicht blind, er hat seine eigene Sichtart, die das Hantieren führt und ihm seine spezifische Dinghaftigkeit verleiht“ (Heidegger, 2001, S. 69). Zuhandenheit ergibt in diesem Fall für Heidegger die grundlegenden Merkmale der Dinge, die sich im Gebrauch zeigen und nahtlos in eine praktische Tätigkeit einfügen. Die Merkmale liegen also nicht in der Substanz des Objekts selbst, sondern im Gebrauch mit diesem. Es kann nicht allein begriffen werden, sondern nur in seinem Handlungszusammenhang.

Der Zuhandenheit stellt Heidegger die Vorhandenheit gegenüber. Vorhandenheit beschreibt die theoretische Betrachtung eines Objekts, die erst entsteht, wenn ein Objekt seine Zuhandenheit verliert, also kaputtgeht oder seinen Gebrauchszusammenhang verliert. Heidegger erklärt, dass Zeug durch fehlende Zuhandenheit seinen um-zu-Charakter, den er für die Definition von Zeug verwendet, verliert: „Ein Zeug ist unverwendbar – darin liegt: die konstitutive Verweisung des Um-zu auf ein Dazu ist gestört“ (Heidegger, 2001, S. 74). Erst durch dieses gestörte Verhältnis fällt uns das Objekt auf. Solange es seine Zuhandenheit behält, ist es für uns als Gebrauchsgegenstand unauffällig: „Imgleichen ist das Fehlen eines Zuhandenen, dessen alltägliches Zu-gegensein so selbstverständlich war, daß wir von ihm gar nicht erst Notiz nahmen, ein Bruch der in der Umsicht entdeckten Verweisungszusammenhänge. Die Umsicht stößt ins Leere und sieht erst jetzt, wofür und womit das Fehlende zuhanden war. Wiederum meldet sich die Umwelt“ (Heidegger, 2001, S. 75). Dies bedeutet im Umkehrschluss, dass Dinge, um die wir uns im täglichen Gebrauch keine Gedanken machen, sie also unauffällig sind, die eigentlichen Dinge sind, mit denen wir uns umgeben wollen, da sie die größte Form von Zuhandenheit bieten. Diese Dinge erfüllen laut Heidegger ihre Rolle als Zeug mit Gebrauchscharakter am besten. Sie sind um-zu-Objekte. Übertragen auf zeitgenössisches Design sagt Naoto Fukasawa: „People shouldn’t really have to think about an object when they are using it. Not having to think about it makes the relationship between a person and an object run more smoothly” (Ling, 2008). Auch Dieter Rams verfolgte einen ähnlichen Ansatz: „Gutes Design bedeutet so wenig Design wie möglich“ (10 Principles | Braun Audio, o. J.). Durch die praktische Nutzung von Dingen werden sie zu einem Teil unseres Lebens. Der Stuhl wird also zum Stuhl, weil man sich auf ihn setzt und nicht durch seine theoretische Betrachtung. Durch die Nutzung über einen längeren Zeitraum entsteht so eine Bindung zwischen Mensch und Objekt, da eine Bedeutung im Alltag entsteht. Der Stuhl ist Möbelstück, somit ein Teil des Wohn- und Lebensraums, also auch ein Teil der eigenen Existenz. Diese Betrachtung der Dinge lässt sich besonders auf das Fahrrad übertragen. Es fällt uns im Alltag durch seine Zuhandenheit wahrscheinlich gar nicht richtig auf. Als täglicher Begleiter wird es uns erst bewusst, wenn seine Zuhandenheit zur Vorhandenheit wird. Wenn das Fahrrad einen platten Reifen hat oder das Licht nicht funktioniert, fehlt der um-zu-Charakter. Daraus ergibt sich, dass der Wechsel zwischen Vorhandenheit und Zuhandenheit durch eine Reparatur vorgenommen werden kann. Somit ermächtigt die Reparatur den Menschen, Gegenstände wieder in einen Handlungszusammenhang zu rücken und ihren um-zu-Charakter zurückzubringen. Der Mensch ist in der Lage, dem Ding seine Zuhandenheit zurückgeben. Eine Reparatur ist somit eine aktive Zurückgewinnung der Beziehung zum Objekt.

2.2 Das Ding im Verhältnis

Dieses Verständnis von Dingen und ihrer Bedeutung im Alltag wird von Jean Baudrillard in seinem Werk Das System der Dinge von 1968 weiter auf die Gesellschaft übertragen und besonders im Sinne von Konsum betrachtet. Baudrillard erklärt, dass Dinge auch als Zeichen in einem System und nicht nur als Gebrauchsgegenstände verstanden werden müssen. Sie vermitteln einen symbolischen Wert und eine soziale Identität. Zunächst beschreibt Baudrillard die gesamte Umwelt des Alltags als System: „Die Umwelt des Alltags stellt in hohem Grade ein »abstraktes« System dar, worin die Gegenstände hinsichtlich ihrer Funktion zumeist isoliert dastehen, und erst der Mensch stellt ihre Kohärenz, nach Maßgabe seiner Bedürfnisse durch ein funktionelles Gefüge, her“ (Baudrillard et al., 1991, S. 15). Dies bestätigt ebenfalls die Position Heideggers, der Dinge im Handlungskontext versteht. Dieser Handlungskontext entsteht in Baudrillards Position auch durch den Menschen, der die Dinge durch seine Bedürfnisse in ein funktionelles Gefüge, also einen Handlungskontext bringt. Dieses System geht aber über den bloßen Handlungskontext hinaus und besteht außerdem aus Symbolen und Zeichen. Baudrillard beschreibt dieses System anhand des Wohnraums. In einer bürgerlichen Wohnung ist alles in ein festes System gebunden. Die Möbel gruppieren sich um einen Mittelpunkt, genau wie sich eine Familie um das Oberhaupt gruppieren würde. Im Esszimmer ist der Tisch der Mittelpunkt, im Schlafzimmer das Bett. Alles ist eindeutig angeordnet und aufeinander bezogen. Jedes Möbelstück hat seinen Ort und seine Funktion, die es erfüllt.

Diese Konventionen werden laut Baudrillard durch die Moderne aufgebrochen. Menschen richten sich weniger durch vorbestimmte Erwartungen gebunden ein. Möbel sind beweglich, funktional und folgen nicht mehr dem hierarchischen System von zuvor. Der Mensch bewegt sich im System nicht mehr als Oberhaupt: „Man erkennt bereits, welch neuer Typ des Wohnungsinhabers sich hier als Modell anbietet: der Raumgestalter, der weder nur Inhaber, noch einfacher Benützer, sondern ein aktiver Berater für die Wohnraumatmosphäre ist“ (Baudrillard et al., 1991, S. 37). Dabei wird das Objekt selbst weiter vereinheitlicht und weniger interaktiv in sich. Roland Barthes beschreibt die Veränderung des Objekts anhand des Autos: „…die Einheitlichkeit der Modelle scheint die Idee der technischen Vollführung selbst in Frage zu stellen. Das normale Lenken des Wagens wird zum einzig möglichen Bereich, wo dem Machtrausch und der Erfindungsgabe noch ein freier Raum verbleibt. Der Wagen überträgt seine mitreißende Ausdrucksmöglichkeit auf ein bestimmtes Steuerorgan. Da man am Objekt selbst nicht mehr basteln kann, bastelt man eben am Lenkrad und am Gaspedal“ (Baudrillard et al., 1991, S. 36). Das Objekt ist auf seine Funktion beschränkt, sodass nur noch die Benutzung zur Interaktion oder zu einem Verhältnis führt. Folglich beschreibt Baudrillard, dass der moderne Mensch seine Objekte ordnet und beherrscht. Er manipuliert und balanciert das System aus, in dem sich die Dinge befinden. Das System muss zusammenhängen und eine Funktion erfüllen. Es darf keine Geheimnisse geben, die der Praktikabilität im Wege stehen könnten. Es ist alles organisiert und durchsichtig.

Baudrillard beschreibt außerdem die Entwicklung, die der Mensch in der Interaktion mit den Gegenständen hat. Der Mensch wird vom Akteur zum Kontrolleur, besonders durch die Interaktion mit Maschinen. Der Aufwand des Waschens mit dem Waschbrett wird durch einen einfachen Knopfdruck an der Waschmaschine getauscht. Der Mensch ist nicht mehr mit dem ganzen Körper in Aktion, sondern nur noch mit wenigen Handgriffen. So wird die Interaktion mit den Dingen unbewusster und zur gelegentlichen Kontrollaufgabe. Durch die Autonomie der Geräte verlieren sie ihre symbolische Leistung. Als Ausgleich dienen nun Symbole, die die Lust am Objekt verdeutlichen, die einst durch die Tätigkeit mit dem Objekt verkörpert wurde. Baudrillard beschreibt dies am Symbol des Kotflügels eines Autos: „Nun wird der Flügel des Autos zum Wahrzeichen der Raumüberwindung – zu einem reinen Zeichen ohne direkten Zusammenhang mit dem errungenen Sieg (eher diesen beeinträchtigend, da die Flügel das Gewicht des Wagens erhöhen und seine Wendigkeit behindern). Die konkrete und technische Mobilität übersteigert sich zur absoluten Strömung. Denn der Flügel ist nicht das Zeichen der wirklichen Geschwindigkeit, er deutet ein sublimes Dahinrasen an, das auf keinem Zähler verzeichnet ist. Er läßt ein wunderbares Getriebe vermuten, eine höhere Einwirkung: In der Vorstellung scheint der Flügel den Wagen anzutreiben“ (Baudrillard et al., 1991, S. 78). Die Zeichenkraft scheint das Auto anzutreiben, obwohl der Kotflügel das Gegenteil bewirkt. Dadurch, dass es „auf keinem Zähler verzeichnet ist“ funktioniert der erwünschte Effekt dennoch.

Diese Zeichenkraft lässt sich aber nicht nur in modernen Dingen erkennen, sondern auch in Artefakten oder Antiquitäten. Auch wenn sie meist nicht als Alltagsgegenstände fungieren, zeigt sich ihre Zeichenhaftigkeit in Form des Ausstellungsstücks. Sie wirken authentisch und sollen das Wissen der Person, die es hergestellt oder das Prestige der Person, die es besessen hat vermitteln: „Da Blut, Geburt und Titel die ideologische Bedeutung eingebüßt haben, sind es nun materielle Zeichen, die diese Transzendenz anzeigen: Möbel, Schmuck, Kunstwerke aus jeder Epoche und allen Ländern“ (Baudrillard et al., 1991, S. 108). Durch den Wunsch, mit Objekten einen sozialen Aufstieg zu suggerieren, steigt die Nachfrage nach solchen Objekten so sehr, dass sie durch die Verfügbarkeit nicht abgedeckt werden kann.

Je mehr Wunschbilder und Symbole ein Objekt verkörpert, desto stärker leidet die technische Qualität des Objekts. Fortschritt verlangt stets Neuerung, welche durch Symbole verkörpert wird. So nehmen die Symbole zu. Verkörperte technische Neuerungen sind aber gar nicht realisierbar. Folglich bleiben Mängel bestehen und Neugestaltung oder Beiwerk in Form von Gadgets lenken vom eigentlichen Mangel ab. Durch diese Form von Fortschritt entsteht im gleichen Zug meist auch ein Rückschritt. Baudrillard beschreibt dies am Beispiel des Autos, welches in seinem Grundgedanken Mobilität für jeden ermöglichen sollte. Die sekundären Symbole und Tugenden wie Komfort und Prestige, die durch das Auto nun aber verkörpert werden, betonen den aufzuhebenden Klassenunterschied erneut (Baudrillard et al., 1991).

Diese Klassenunterschiede erklärt Baudrillard weiter durch zwei Kategorien von Objekten: Modell und Serienprodukt. Ob man sich ein Modell leisten kann oder auf ein Serienprodukt zurückgreifen muss, bestimmt nicht mehr der soziale Status, sondern das verfügbare Geld. Die Möglichkeit, alles nach Belieben konsumieren zu können, wird durch die Menge und Auswahl an Ware animiert. Jedoch wird beim genaueren Hinsehen deutlich, dass Serien sich als Modelle ausgeben, aber keine modellhafte Qualität besitzen. Ähnliches gilt auch für technische Produkte, bei denen die Lebensdauer von Serien geringer ist als die von Modellen. Diese Unterschiede sind jedoch nur an Details zu erkennen. So wird für die Menschen, die sich Modelle nicht leisten können, gleicher Konsum und Wahlfreiheit suggeriert. Eigentlich verstärkt sich der Klassenunterschied dadurch nur noch weiter (Baudrillard et al., 1991).

Werbung spielt beim Konsum offensichtlich eine große Rolle. Sie versucht nicht nur den Absatz des Produkts zu steigern, sondern den Konsum insgesamt anzuregen. Dafür werden Objekte mit Ideen und Gefühlen behaftet. Durch den Kauf sollen diese Ideen und Gefühle dann verwirklicht werden. Daran zu glauben, reicht bereits, damit ein Kaufwunsch entsteht. Dennoch werden diese Sehnsüchte nicht befriedigt und der Verbraucher bleibt unzufrieden zurück. Es entsteht eine Form von ewigem Verbrauch, der nicht befriedigt werden kann. Dies ergibt sich einerseits durch die Werbung, andererseits aber auch dadurch, dass Objekte keine reinen Gebrauchsgegenstände mehr sind, sondern sich zu Zeichen und Symbolen entwickelt haben. Sie werden also nicht mehr materiell konsumiert, weshalb nie eine Sättigung eintrifft. Bilder, Gefühle und Ideen werden verbraucht anstatt der Gegenstand selbst. Diese sind womöglich schon verbraucht, obwohl der Gegenstand es noch längst nicht ist (Baudrillard et al., 1991).

Ähnlich wie auch Baudrillard beschreiben Luc Boltanski und Arnaud Esquerre in ihrem Werk Bereicherung: eine Kritik der Ware symbolische Eigenschaften, die jedem Objekt anhaften: „Darüber hinaus gibt es nicht eine Sache, die keine symbolische Dimension hat, wenn sie Teil der menschlichen Beziehung ist und sprachlich erfasst wird“ (Boltanski & Esquerre, 2019, S. 96). Boltanski und Esquerre beschreiben dies ganzheitlicher als Narrativität, die einem Objekt anhaftet, und das mit dieser Narrativität bereichert wird. Das führt aber dazu, dass Gegenstände nicht mehr einen bestimmten Zweck erfüllen, sondern mehr dazu da sind, ihr Narrativ zu erzählen: „Die Gegenstände, die im Rahmen der Bereicherungsökonomie die größte Wertschätzung erfahren, sind nämlich nicht dazu bestimmt, Bedürfnisse zu befriedigen, viele von ihnen kann man nicht einmal benutzen; sie beziehen ihre Einschlägigkeit aus einer anderen Form, in deren Mittelpunkt die Logik des Sammelns steht“ (Boltanski & Esquerre, 2019, S. 92). Dies ändert folglich auch das Konsumverhalten solcher Dinge, die eher einen Sammlungscharakter durch ihr Narrativ erzeugen: „Dieser Art von Logik zufolge verringert sich die Nachfrage nach etwas nicht, wenn man sich dem Sättigungspunkt nähert, wie das bei Dingen der Fall ist, die einem Bedürfnis nachkommen, sondern hat, wie man am Fall von Sammlungen besonders gut sehen kann, ganz im Gegenteil die Tendenz, in dem Maße zu wachsen, wie die Akkumulation voranschreitet“ (Boltanski & Esquerre, 2019, S. 94). Diese Anreicherung der Dinge durch Narrativität bezieht sich laut Boltanski und Esquerre auf die Vergangenheit. So entsteht meist eine Aufwertung bereits existierender Dinge, die somit auch einem Fortschritt im Wege stehen, wie es Baudrillard ebenfalls beschrieben hat.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Dinge kaum wegen ihrer Möglichkeit, Bedürfnisse zu befriedigen, konsumiert werden. Vielmehr geht es um das Narrativ, das ihnen angehaftet wird, wodurch ein Sammlungscharakter entsteht, welcher unbefriedigt bleibt. Für die Konzeption der Marke Canjou könnte sich dieser Sammlungscharakter jedoch eignen, um ihn auf die Reparaturen zu übertragen. Wenn nicht der Gegenstand, sondern die sichtbare Reparatur des Gegenstandes zur Sammlung wird, resultiert dies in eine längere Benutzung und das Konsumverhalten wird auf die Reparatur übertragen. Die Reparatur wird zur Sammlung, zum Symbol und zum Narrativ. Außerdem wird der Mensch durch seine Tätigkeiten am Objekt, durch die Reparatur wieder zum Akteur. So könnte eine lang anhaltende Bindung entstehen, in der das Narrativ nicht verbraucht, sondern weitergeschrieben wird.

2.3 Das geschlossene Ding

In Fortführung zu Baudrillards Beschreibung, dass sich die Mensch-und-Ding-Beziehung vom Akteur zum passiven Kontrolleur entwickelt hat, entgleitet dieses Verhältnis noch weiter. Objekte werden zu Black Boxes, deren Inhalt sich völlig vor dem Benutzer zu verbergen scheint. Der ursprüngliche Begriff Black Box in Bezug auf Objekte entstand aus der militärischen Fernmeldetechnik und bezeichnet ein Objekt, welches wegen einer möglichen Sprengladung im Inneren nicht geöffnet werden sollte. Ebenso hat sich der Begriff durch den Flugschreiber in Flugzeugen geprägt, welcher dabei helfen soll, die Ursachen von Flugzeugabstürzen zu klären. Diese Flugschreiber werden oft mit der Aufschrift „do not open“ versehen. Der Begriff prägte sich außerdem in der Kybernetik und Systemtheorie des 20. Jahrhunderts und wurde in vielen anderen Bereichen angewendet. Grundlegend beschreibt der Begriff Black Box ein Objekt oder System, deren innere Funktionsweise nicht mehr verständlich ist, obwohl es von außen zu bedienen oder zu benutzen ist. Die erste Definition der Black Box stammt von W. Ross Ashby. Er beschreibt die Black Box als ein System, bei dem nur Input und Output beobachtet werden können. Der Prozess dazwischen bleibt verborgen: „The engineer is given a sealed box that has terminals for input, to which he may bring any voltages, shocks, or other disturbances he pleases, and terminals for output, from which he may observe what he can. He is to deduce what he can of its contents“ (Ashby, 1956, S. 86).

Der französische Soziologe und Philosoph Bruno Latour, der zu den Begründern der Akteur-Netzwerk-Theorie gehört, beschreibt in seinem Werk Die Hoffnung der Pandora von 1999 eine Black Box folgendermaßen: „Mit diesem Ausdruck aus der Wissenschaftssoziologie ist das Unsichtbarmachen wissenschaftlicher und technischer Arbeit durch ihren eigenen Erfolg gemeint. Wenn eine Maschine reibungslos läuft, wenn eine Tatsache feststeht, braucht nur noch auf Input und Output geachtet zu werden, nicht mehr auf ihre interne Komplexität. Daher das Paradox: je erfolgreicher Wissenschaft und Technik sind, desto undurchsichtiger und dunkler werden sie“ (Latour, 2022, S. 373). Latour beschreibt, wie sich Alltagsgegenstände durch technische Entwicklung immer mehr zu Black Boxen entwickeln und ihre eigentliche Funktionsweise immer undurchsichtiger wird. Eckhard Geitz verdeutlicht dies ebenfalls in seiner Darstellung von Black Boxes: „Der Fotoapparat, der Radioempfänger, die Waschmaschine und das Telefon werden entlang ihrer Geschichte verfolgt. Dabei lässt sich beobachten, dass die Anzahl der Bedienelemente abnimmt und die technischen Bauteile hinter Blenden verschwinden. Technische Komplexität diffundiert ganz wörtlich genommen – in undurchsichtige schwarze Kästen. Zwischen uns und den Apparat tritt eine gestaltete Oberfläche, deren Komplexität historisch abnimmt: Technikkenntnis wird irrelevant, wenn Interface-Design gelingt und die Black Box in ihrer Handhabung aufgeht – mit gravierenden Folgen auch für gesellschaftliche Machtverhältnisse und individuelle Handlungsmacht“ (Geitz et al., 2020, S. 6). Wie prägt diese Veränderung der Objekte unsere Interaktion mit ihnen?

Laut Vilem Flusser wird der Mensch besonders im kreativen Prozess nicht mehr zum Schöpfer, sondern zur funktionierenden Person, die im Handlungsspielraum des Objekts arbeitet. Flusser beschreibt dies anhand einer Kamera, bei der der Mensch nur im Rahmen der programmierten Möglichkeiten des Objekts handeln kann. Er agiert nur innerhalb der Möglichkeiten der Black Box, ohne sie zu hinterfragen: „Die Macht ist vom Besitzer der Gegenstände auf den Programmierer und Operator übergegangen. Das Spiel mit Symbolen ist Machspiel geworden – ein hierarchisches Machtspiel: Der Fotograf hat Macht über die Betrachter seiner Fotografien, er programmiert ihr Verhalten; und der Apparat hat Macht über den Fotografen, er programmiert seine Gesten. Diese Umlenkung von Macht vom Dinglichen auf das Symbolische ist das eigentlich Kennzeichnende dessen, was wir »Informationsgesellschaft« und »nachindustriellen Imperialismus« nennen“ (Flusser & Flusser, 2018, S. 29). Somit nimmt jedes Objekt oder System, welches sich als Black Box definieren lässt, Einfluss auf unser Denken. Es verändert sich von linear-kritischem Denken zu visuell-gesteuerter Programmbedienung. Flusser beschreibt, dass diese Veränderung der Verhältnisse besonders in der Benutzung mit Apparaten deutlich wird: „Er ist ein komplexes Spielzeug, so komplex, daß die damit Spielenden es nicht durchblicken können; sein Spiel besteht aus Kombinationen der in seinem Programm von einem Metaprogramm eingetragen wurde und das Spielresultat weitere Programme sind; während vollautomatisierte Apparate auf menschliche Interventionen verzichten können, erfordern viele Apparate den Menschen als Spieler und Funktionär“ (Flusser & Flusser, 2018, S. 29) Die Beziehung zum Objekt definiert sich nicht mehr wie bei Heideggers Beschreibung durch das handwerkliche Tun und Handeln mit dem Objekt, sondern durch distanzierte Bedienung und Oberflächeninteraktion, bei der die internen Vorgänge nicht verstanden werden.

Folglich ergeben sich daraus Objekte, die intransparent sind, bei denen ihre Funktionsweise verborgen ist. Außerdem schränken sie den Handlungsspielraum der benutzenden Person durch ihre vorgegebenen Möglichkeiten des Inputs ein. Daraus entstehen zwar effiziente Objekte, die aber ohne Wissen der benutzenden Personen in einem vordefinierten Handlungsspielraum funktionieren. Man verlässt sich darauf, dass Objekte so reibungslos funktionieren, dass ihre Funktionen nicht mehr hinterfragt werden. Diese Entwicklung lässt sich auch im Fahrradbereich beobachten. Kabelzüge verlaufen intern im Rahmen, Bremssysteme werden in undurchsichtigen Blöcken versteckt und ein einteiliges Cockpit verbirgt seine innen liegenden Teile. Canjou soll dafür sorgen, die Black Box der CFK-Teile zu verstehen und den Handlungsspielraum zu erweitern. Ein gestärktes Verständnis macht den Menschen zum Akteur, zur Person, die – im Sinne Heideggers – Vorhandenheit zu Zuhandenheit machen kann. Erst, wenn diese Black Box verständlich wird, kann ein Verhältnis zwischen Ding und Mensch durch Reparatur entstehen.

Literaturverzeichnis:

3. Fahrrad als Ding im Kontext

3.1 Fahrrad als soziokulturelles Phänomen

Nicht nur durch die Verwendung von Kunststoffen entsteht eine enorme Umweltbelastung, die bereits zu Beginn thematisiert wurde. Die Autoindustrie, die Nutzung des Autos selbst und die Planung der Städte zu einem autogerechten Umfeld tragen einen großen Teil zu CO₂-Emissionen bei. Ein Wandel dieser Strukturen ist zeitnah kaum zu erwarten. Dies beschreibt der britische Soziologe John Urry in seinem Werk The System of Automobility als Lock-in: „Social life more generally was irreversibly locked in to the mode of mobility that automobility generates and presupposes. This mode of mobility is neither socially necessary nor inevitable but has seemed impossible to break from“ (Urry, 2004, S. 27). Das urbane Leben scheint für viele Menschen nicht mehr ohne Auto möglich zu sein. Wir scheinen locked-in zu sein, wenn es um die aktuellen Formen der Mobilität geht. Ein Problem, das auch die Elektromobilität nicht zu lösen scheint, da sie weiterhin zur Zersiedelung von Landschaften und Verstopfung der Städte beiträgt. Es geht bei Mobilität und dem aktuellen Lock-in also nicht nur um ökologische Auswirkungen, sondern um Gestaltung von Lebensraum und sozialem Leben. Das Fahrrad kann Antworten auf diese Probleme liefern und, wie Kulturwissenschaftlerin Julia Bee beschreibt, ein Gegenstand für Veränderung, ein „Vehikel des Wandels“ werden (Bee et al., 2022, S. 8). Dieses Vehikel kann auch soziologische, ökologische und infrastrukturelle Umgebungen verändern. Es ist also wichtig, das Radfahren nicht nur auf eine Art des Transports beschränkt zu verstehen.

Grundlegend lässt sich das Fahrrad also als Werkzeug beschreiben, welches die Möglichkeit hat, soziale Räume zu wandeln. Die Soziologin Martina Löw beschäftigt sich besonders mit dem Thema des sozialen Raums und wie dieser gebildet wird. Ihr Werk Raumsoziologie von 2001 ist entscheidend für das Verständnis von Raum. Laut Löw gibt es zwei essenzielle Prozesse, die einen Raum konstituieren: Spacing und Syntheseleistung. Spacing beschreibt hierbei das Platzieren von sozialen Gütern und Menschen im Raum. Zu diesem Spacing entsteht zusätzlich eine Syntheseleistung. Daraus folgt, dass sich die umgebenen Dinge, die im Spacing platziert werden, auch immer miteinander verknüpfen. Löw beschreibt dies folgendermaßen: „Meine These ist daher, daß Raum eine relationale (An)Ordnung von Lebewesen und sozialen Gütern ist. Raum wird konstituiert durch zwei analytisch zu unterscheidende Prozesse, das Spacing und die Syntheseleistung. Letzteres ermöglicht es, Ensembles von Gütern und Menschen zu einem Element zusammenzufassen“ (Löw, 2001, S. 159–160). Durch Spacing und Syntheseleistung ergibt sich der Raum folglich durch das Handeln von Menschen. Daraus lässt sich ebenfalls ableiten, dass sich gesellschaftliche Strukturen aus diesen Räumen ergeben: „Das Räumliche ist, so meine These, nicht gegen das Gesellschaftliche abzugrenzen, sondern es ist eine spezifische Form des Gesellschaftlichen. Räumliche Strukturen sind, wie zeitliche Strukturen auch, Formen gesellschaftlicher Strukturen“ (Löw, 2001, S. 167).

Wenn das Fahrrad also, wie Bee es in Fahrradutopien beschreibt, ein Medium des Wandels ist, dann hat es ebenfalls die Möglichkeit, gesellschaftliche und räumliche Strukturen zu beeinflussen: „Fahrradfahren verändert nicht nur die individuelle Mobilität, sondern organisiert gesellschaftliche Räume. Es ist nahezu emissionsneutral, ermöglicht vielen Menschen eine günstige, selbstbestimmte Mobilität, erschließt neue Räume und produziert eigene Wahrnehmungen und Bilder“ (Bee et al., 2022, S. 8).

Trotz seines wandelnden Potenzials scheint das Fahrrad als Objekt ein recht einfaches und banales Ding zu sein. Zwei Räder, die durch einen einfachen Rahmen miteinander verbunden sind. Doch daraus ergibt sich die fast perfekte Übersetzung von Energie in Bewegung. Ein nahezu perfektes Zusammenwirken von Mensch und Maschine, welches sich bereits um das Jahr 1900 im Gebrauch des Fahrrads zeigte. Dabei scheint gar nicht so sehr der technische Aspekt dieser Verbindung das Wichtige zu sein, sondern viel mehr die Möglichkeiten, die sie dem Menschen geben: „Nicht mehr länger ging es nur darum, das Begehren an Geschwindigkeit, wie es die Eisenbahn geweckt hatte, einzulösen, sondern auch und vor allem darum, die Selbstbestimmtheit des Einzelnen gegenüber der Maschine zu betonen. Somit wurde nicht der Mensch durch die Maschine kontrolliert, vielmehr beherrschten umgekehrt die Fahrenden das Fahrrad. Aus den rein passiven Konsument:innen wurden Akteur:innen der Steuerung und des Antriebs, die eigens die Distanz wählten und überwanden“ (Bee et al., 2022, S. 129). Der Mensch bleibt beim Fahrrad weiterhin Akteur als wichtigstes Element des Verhältnisses, wie bereits zuvor durch Baudrillard beschrieben. Diese Veränderung wurde besonders durch die zu dieser Zeit vorherrschenden Fortbewegungsmittel deutlich: „Mit dem Fahrrad wurde es möglich, längere Strecken, die zuvor der Eisenbahn oder dem Dampfschiff vorbehalten waren, zurückzulegen, mit dem Unterschied, dass zum einen Anfangs- und Endpunkt selbst gewählt und zum anderen diese ohne Zwischenhalt verwirklicht werden konnten. Diese Unterbrechungslosigkeit der Bewegung wird zu einem ganz wesentlichen Charakteristikum des Individualmediums, was es zugleich zum Pionier einer neuen Transportkultur von Personen, Artefakten und Zeichen machte“ (Bee et al., 2022, S. 129–130). Trotz seiner technischen Einfachheit war das Fahrrad zu dieser Zeit eine mächtige Maschine des Wandels, die anderen technischen Neuerungen in ihrem Einfluss in nichts nachstand: „Das Fahrrad war damit Wegbereiter einer neuen Transportkultur von Personen, Artefakten und Zeichen. Es hat als mobiles und zugleich rurales Medium eine Bedeutung, die gegenüber Telegrafie und Telefonie nicht zu unterschätzen ist“ (Zimmermann et al., 2018, S. 230). Das Fahrrad wurde aber im Gegenteil zu den technischen Neuerungen, insbesondere der Kraftmaschinen, die im Verlauf der Industrialisierung entstanden, zu einer Maschine, die die Anstrengung und Muskelkraft nicht ersetzte, sondern sie verstärkte und verlängerte. Dadurch entstand eine sehr innige Beziehung zwischen Mensch und Maschine, die den Körper erweiterte (Bee et al., 2022). Übertragend kann das Fahrrad also als technikanthropologischer Gegenstand verstanden werden. Ein Gegenstand, der Teil menschlicher Existenz ist, Handlungsräume und Körperpraktiken sowie einen lebendigen Umgang mit Technik im Alltag formt. Der Mensch formt die Technik durch Nutzen, Anpassen und Reparieren, die Technik aber ebenso den Menschen durch ihre Möglichkeiten, das Leben des Menschen zu vereinfachen oder zu verbessern. Sobald der Mensch in die Pedale tritt, scheint er sich vom Boden zu lösen, wie Joachim Krausse beschreibt: „Er ist dabei, in jeder Beziehung »abzuheben«. Seine Füße verlassen Stück um Stück den Boden, sie stoßen den Körper nurmehr vorwärts, während sein Körpergewicht auf einem Fahrgestell mit zwei Rädern lastet. In dieser Entlastung der Körpermuskulatur vom Körpergewicht liegt das energietechnische Geheimnis der technischen Revolution, die vom Fahrrad ausgeht“ (Krausse, 1993, S. 79). Diese unmittelbare Verbindung unterscheidet das Radfahren von den darauffolgenden, motorbetriebenen Antriebsformen. Der Mensch wird ein Teil der Maschine und die Maschine ein Teil des Menschen.

Auch wenn das Fahrrad in unserer heutigen Gesellschaft ein für nahezu alle verfügbares Fortbewegungsmittel ist, war das Fahrrad in seinen Anfängen als Hochrad nur einer spezifischen Gruppe zugänglich. Wie Linda Keck in Fahrradutopien beschreibt, gab zumeist der Rahmen des Fahrrads vor, welche Menschen es benutzen konnten: „Wem es erlaubt ist, Fahrrad zu fahren, ist immer auch eine Frage der Rahmung oder genauer gesagt des Rahmens – der konkreten Materialität der Maschine. Kurzum, es ist der Rahmen, der rahmt, wer fährt“ (Bee et al., 2022, S. 132). Zunächst war das Fahrrad in seiner ursprünglichen Form als Hochrad nur für das gehobene Volk zugänglich und zusätzlich nur den Männern vorbehalten. Die hohe Sitzposition verkörperte eine Exklusivität in sozialem und kulturellem Maße und stellte eine gewisse Risikobereitschaft dar. Der Wandel vom Hochrad zum Niederrad ermöglichte dann auch anderen Gruppen das Fahrrad als Fortbewegungsmittel zu nutzen. So gestaltete sich das Fahrrad durch die Gruppen, die es nutzten, und seine Technik passte sich diesen an. Folglich wurde das Fahrrad sicherer, günstiger und zugänglicher.

Frauen mussten sich öffentliche Akzeptanz auf dem Fahrrad erarbeiten. Gesellschaftliche Vorstellungen von Mutterschaft und Häuslichkeit definierten keine Notwendigkeit, ein Fahrrad zu besitzen oder sich in ähnlichem Maße wie die Männer zu dieser Zeit im öffentlichen Raum zu bewegen. Als durch die Verbreitung des Niederrads auch Frauen begannen, Fahrrad zu fahren, waren diese zunächst Begleitung radfahrender Männer unterwegs. Das eigenständige Fortbewegen auf dem Fahrrad erwies sich als gesellschaftliche Herausforderung verwurzelt in den Geschlechterrollen, welche sich auch auf Kleidung und Außenwirkung übertrug: „Vielmehr bietet es eine Bühne, auf der Geschlecht bzw. Geschlechtsunterschiede im besonderen Maße repräsentiert und reproduziert werden. Eine wichtige Rolle in der Konstruktion des Radfahrerinnenkörpers spielte die Mode, die zu Zeiten des Aufkommens des Fahrrads im 19. Jahrhundert Aufschluss über die Ästhetik und Inszenierung der Frau auf dem Rad geben kann“ (Bee et al., 2022, S. 135). Frauenkleidung zur Zeit der 1890er Jahre war ungeeignet für das Radfahren und oft ein Sicherheitsrisiko, was es Frauen zusätzlich erschwerte, in der Gesellschaft als Radfahrerinnen anerkannt zu werden. Daraus entstanden eigene Kleidungsstücke, die sich denen der Männer annäherten und mehr Bewegungsfreiheit gaben. So drückte sich durch das Radfahren und die zugehörige Kleidung Haltung und gesellschaftliche Position aus. Die Veränderung der Kleidung setzte ein sichtbares Zeichen einer Modebewegung, die ebenfalls die Identität als Frau in der Gesellschaft prägte: „Radikal neue Formen der Fahrradbekleidung zu tragen war eine Intervention in die Art und Weise, wie sich eine Frau durch den öffentlichen Raum bewegen sollte. Diese Kleidungsstücke rüsteten Frauen aus, sich den geschlechtsspezifischen, normativen Verhaltensregeln zu widersetzen, und ermöglichten es ihnen, in einer Zeit, in der dies physisch und ideologisch problematisch war, über mobile Identitäten zu verhandeln“ (Bee et al., 2022, S. 138–139). Das Fahrrad und die passende Kleidung wurden somit Medien in der Gesellschaft, mit welchen Frauen Rechte beschleunigt erlangen konnten. So wurde das Fahrrad auch zum Symbol im Kampf für das Frauenwahlrecht. Das Fahrrad wurde zum Medium von Emanzipation.

Auch heute noch wird das Fahrrad als Objekt des Protests genutzt. Besonders Veranstaltungen wie Critical Mass, welche in den 1990er Jahren eine starke Bedeutung hatten, aktuell aber auch immer noch stattfinden, nutzen das Fahrrad als Mobilisierung für Veränderung: „Critical Mass represents a budding alternative transit movement infused with ecological consciousness. By avoiding specific demands or organizational forms so far, Critical Mass is still gathering energy and that energy has the potential to affect many things, far beyond mere bike lanes, government transit spending, or any other narrow demand within the status quo. That potential lies in the consolidation of new, lasting communities, a task which must go on both within and outside Critical Mass itself. And here the bicycle has a role, too“ (Critical Massifesto, o. J.). Das Fahrrad sollte im soziokulturellen Sinne also nicht nur als Objekt der Fortbewegung, sondern auch als Medium des Wandels verstanden werden, welches die Möglichkeit hat, Gesellschaften zu formen. Das gilt für die Anfänge des Fahrrads als auch für seine aktuelle Rolle in der Gesellschaft.

Abbildung 2: Bicycling: The Ladies of the Wheel (1896) (Brown Digital Repository | Item | bdr:86453, o. J.)

Folglich ist das Fahrrad ein wichtiges soziokulturelles Element. Es gestaltet gesellschaftliche Strukturen, vergrößerte den Bewegungsradius des Menschen im räumlichen Sinne, aber auch in der Kraftübertragung. Das Fahrrad ist ein Gegenstand, der vom Menschen beherrscht wird und seine Selbstbestimmtheit ausdrückt. Das Fahrrad ist ein Objekt des Protests und Wandels, welches im Verlauf seiner Geschichte bereits viele gesellschaftliche Strukturen beeinflusst hat. Es kann ebenfalls das Potenzial haben, einen Wandel im Sinne von Nachhaltigkeit, Konsumkritik und Bindung zwischen Mensch und Objekt durch die Marke Canjou zu kommunizieren.

Fahrrad im urbanen Kontext

Ähnlich wie die Gesellschaft durch das Fahrrad als Medium geformt wurde, verhält es sich auch mit dem Raum im urbanen Kontext. Um lebenswerte und für Menschen nutzbare Räume zu gestalten, ist die Erfüllung verschiedener Kriterien notwendig. Der dänische Architekt und Stadtplaner Jan Gehl nennt als ein zentrales Kriterium, dass Städte vom menschlichen Maßstab aus geplant werden müssen. Dies war laut Gehl bis in die 1960er-Jahre auch der Fall. Ab den 1970er-Jahren wurde dieser Maßstab vernachlässigt, um die Stadt besonders autogerecht zu gestalten. Dass diese Gestaltung einen negativen Einfluss auf die Verhaltensweisen und das Wohlbefinden der Menschen hatte, wurde erst später untersucht. (Gehl, 2017).

Abbildung 3: Critical Mass (Unsplash, 2021)

„Der menschliche Körperbau ist entwicklungsgeschichtlich für das langsame Gehen gemacht und linear nach vorn ausgerichtet. Wir gehen mit Leichtigkeit langsamen oder schnellen Schrittes geradeaus, aber nicht so leicht seitwärts oder rückwärts. Auch unsere Sinne ermöglichen uns eine mehr oder weniger langsame, aber mühelose Vorwärtsbewegung auf weitgehend ebenen Flächen. Unsere Augen, Ohren und Nasen sind nach vorn ausgerichtet und lassen uns so Gefahren oder Möglichkeiten auf dem vor uns liegenden Weg erfassen. Die stäbchen- und zapfenförmigen Fotorezeptoren der Netzhaut sind entsprechend unserem horizontalen, erdgebundenen Wahrnehmungshorizont angeordnet. Nach vorn linear fokussiert ist unsere Sicht am klarsten, die periphere Sicht nach oben, unten, links und rechts vervollständigt unser Blickfeld nur verschwommen. Auch unsere Arme zeigen nach vorn, sodass wir Dinge greifen oder Zweige auf unserem Weg beiseite schieben können. Kurz, der Homo sapiens ist ein linear, frontal und horizontal orientiertes, aufrecht stehendes und gehendes Lebewesen“ (Gehl, 2017, S. 48). Der Fahrradverkehr ist die sich daraus entwickelnde schnellere Stufe des Fußgängerverkehrs. Um eine lebendige Stadt zu schaffen, ist der Radverkehr laut Gehl ein wichtiger Bestandteil. Viele Städte, die zunächst für den Radverkehr durch ihre geografische Lage ungeeignet erscheinen, erfüllen dennoch viele Kriterien, um eine fahrradgerechte Stadt möglich zu machen. San Francisco scheint durch seine hügelige Topografie als fahrradgerechte Stadt ungeeignet. Die Fahrradcommunity der Stadt beweist jedoch das Gegenteil. Es zeigt sich also, dass die klimatischen und topografischen Gegebenheiten weniger ein Faktor sind, sondern vielmehr die bestehende Infrastruktur. Viele Städte sind durch ihre Entwicklung zur autogerechten Stadt für das Radfahren zu gefährlich geworden. Angesichts der aktuellen Klimaziele erscheint es naheliegend, Städte fahrradgerecht zu planen, dennoch geht dieser Wandel nur langsam voran. Kopenhagen liefert ein klares Beispiel, wie Städte fokussiert auf Radverkehr aussehen könnten: „Copenhagen is a compelling example of a city whose longstanding bicycle tradition came under threat from car traffic in the 1950s and 1960s. However, the oil crises in the 1970s were the catalyst for a targeted approach to inviting people to ride their bicycles more. And the message was received: today bicycles make up a considerable part of city traffic, and have helped keep vehicular traffic at an unusually low level compared to other large cities in Western Europe“ (Gehl, 2010, S. 183).

Grundlegender Ausgangspunkt für einen lebendigen Radverkehr ist eine sichere Nutzung der Straßen: „Traffic is so quiet on small side streets and residential streets in 15 and 30 km per hour/9 and 19 mph zones that a special cycle network is not necessary, but all major streets have one. On most streets, the network consists of bicycle paths along the sidewalks, typically using the curbstones as dividers toward the sidewalk, as well as parking and driving lanes. In some places bike lanes are not delimited by curbstones, but rather marked with painted stripes inside a row of parked cars, so that the cars protect the bicycles from motorized traffic. In fact, this system is known as “Copenhagenstyle bicycle lanes” (Gehl, 2010, S. 183)

Abbildung 4: Radweg in Kopenhagen (Unsplash, 2019)

Raum zum Radfahren ist in Kopenhagen besonders durch die Gegenbewegung zur Stadtplanung ab den 1970er Jahren entstanden. Hier wird das Auto immer weiter von den Straßen gedrängt. Vierspurige Straßen werden zweispurig und Parkplätze reduziert. In einem Interview mit dem AD-Magazin aus dem Jahr 2020 beschreibt Jan Gehl die politische Komponente solcher Entscheidungen. „In Deutschland würde man als Politiker auch sicher viele Wähler verschrecken, indem man Parkplätze streicht, Benzin stärker besteuert oder die Parkgebühren erhöht. Laut Gehl seien kleine Schritte, die die Verkehrskapazität nicht belasten möglich, um die Lebensqualität entscheidend zu verbessern“ (Kühnlein, 2020).

Zusätzlich müssen laut Gehl Transportmittel, die über den Maßstab des Menschen hinausgehen, die Möglichkeit haben, Fahrräder ebenfalls zu transportieren. Es sollte möglich sein, Fahrräder in öffentlichen Verkehrsmitteln, wie Bahnen und Bussen, aber auch in Taxis zu transportieren. Dabei soll es ebenfalls möglich sein, Fahrräder an Knotenpunkten wie Bahn- und Busstationen sicher abstellen zu können. Auch Bürogebäude und Arbeitsplätze sollten mit sicheren Abstellmöglichkeiten ausgestattet sein (Gehl, 2010, S. 185).

Sicherheit im Alltag auf dem Fahrrad ergibt sich durch die jeweiligen infrastrukturellen Gegebenheiten. Sie entsteht aber auch durch die Menge an Menschen, die sich täglich mit dem Fahrrad bewegen. Je mehr Menschen mit dem Fahrrad in öffentlichen Bereichen der Stadt unterwegs sind, desto mehr sind Autofahrende gezwungen, auf Radfahrer:innen zu achten und ihren Raum zu respektieren.

Aus diesen sozialen und räumlichen Faktoren ergibt sich durch das Fahrrad ein Medium, das einerseits aktivistisch eingesetzt werden kann, andererseits aber auch auf stadtplanerische und politische Hilfe angewiesen ist, um sich durchzusetzen. Dabei ist nicht von der Hand zu weisen, dass das Fahrrad in beiden Fällen ein starkes Werkzeug für Wandel ist. Es ermächtigt den Menschen, sich eigenständig zu bewegen und zeigt durch seine Beschaffenheiten auf, wie Städte menschengerecht geplant werden sollten. Denn Städte, die für das Radfahren geeignet sind, sind auch für die Menschen geeignet. Das Fahrrad kann als Medium zeigen, wie Städte menschengerecht geplant werden, und funktioniert als erweiterter Fußgängerverkehr für den Menschen als linear, frontal und horizontal orientiertes Wesen. Da die Menge der Menschen, die Rad fahren, auch die Sicherheit dieser Menschen definiert, setzt sich Canjou als Ziel, möglichst viele Menschen zum Radfahren zu bringen und diese Art der Bewegung weiterzuführen. So kann sich die Marke aktivistisch und politisch für Radfahrer:innen positionieren.

3.2 Exkurs: Marke durch Aktivismus

Patagonia ist als Marke besonders durch Haltung und politisches und gesellschaftliches Engagement aufgefallen. Kann Patagonia für Canjou als Marke Anhaltspunkte bieten, sich ebenfalls politisch zu positionieren und zu engagieren? Patagonia wurde 1973 von Yvon Chouinard gegründet und gehört zu den beliebtesten Marken im Outdoor-Bereich. Die Marke ist aus dem Gedanken entstanden, bessere Kletterausrüstung herzustellen. Da Yvon Chouinard selbst Kletterer war, wusste er, welche Ansprüche Kletterbekleidung erfüllen musste und setzte diese auch an seiner eigenen Kleidung um. Zunächst begann er mit der Herstellung von Karabinern und Kletterhaken, die die Felswand nicht beschädigten. An der Bekleidung aus anderen Sportarten testete er, welche Materialien und Konstruktionen sich besonders für den Klettersport eigneten und trug diese dabei. Die Marke gründete er, nachdem er durch Patagonien gereist war, und benannte sie nach der Region, die ihn nachhaltig geprägt hatte. Patagonia sollte einen größeren Fokus auf Outdoor-Bekleidung haben. Seine erste Marke Chouinard-Equipment stellte Kletterausrüstung, wie beispielsweise Kletterhaken her.

Im Laufe der Geschichte des Unternehmens setzte Chouinard viele Maßnahmen um, um sein Unternehmen nachhaltiger zu gestalten. In den 1990ern startete er mit Patagonia ein Pilotprojekt, um auf 100%-Bio-Baumwolle umzusteigen. 2011 wurde Patagonia zu Kaliforniens erster Benefit Corporation – einer Unternehmensform, die zum Ziel hat, einen ökologischen und gesellschaftlichen Beitrag zu leisten. 2022 wurde das mit 3 Mrd. Euro bewertete Unternehmen an die gemeinnützige Stiftung Patagonia Purpose Trust übergeben, die dem Klimawandel entgegenwirken will. Obwohl Patagonia auch immer wieder wegen einiger Vorfälle in der Kritik steht, ist insgesamt zu verzeichnen, dass das Unternehmen viele Maßnahmen ergreift, um nachhaltig auf die Bekleidungsindustrie einzuwirken. Das Unternehmen positionierte sich politisch gegen Parteien, die die Klimakrise leugnen. Dieses politische Engagement erreichte seinen Höhepunkt, als das Unternehmen 2017 die Trump-Regierung verklagte, um nationale Denkmäler zu schützen („Patagonia (Unternehmen)“, 2025).

Patagonia kommuniziert seine Haltung als Unternehmen gegenüber der Klimakrise und dem Konsum deutlich. Diese starke Haltung könnte ein Grund sein, weshalb das Unternehmen so erfolgreich geworden ist. Am 25. November 2011 (Black Friday) druckte The New York Times die in Abbildung 5 gezeigte Anzeige von Patagonia.

Abbildung 5: „Don’t buy this jacket“ Kampagne von Patagonia am Black Friday 2011 in der New York Times (Wassmann, 2011)

Das Unternehmen weist hier auf die problematischen Ausmaße des Konsums am Black Friday und in der gesamten Gesellschaft hin. Patagonia beschreibt, dass es in der Verantwortung aller läge, den ökologischen Fußabdruck zu senken und weniger zu konsumieren. Jedes produzierte Kleidungsstück verwende Ressourcen der Erde, die endlich sind. Auch wenn jedes Unternehmen Interesse an Umsatz und Gewinn habe, sei es Patagonias Ziel gewesen, die Menschen vor dem Kauf zum Nachdenken anzuregen, ob sie wirklich ein weiteres Kleidungsstück benötigen. Ironischerweise stiegen die Verkäufe vom Unternehmen nach 2011 um 30 %, wodurch sich die Frage stellt, ob eine solche Haltung überhaupt einen positiven Einfluss haben kann. Insgesamt ist es schwierig nachzuvollziehen, ob es nachhaltiger wäre, wenn das Unternehmen als Ganzes gar nicht existieren würde. Letztlich lebt das Unternehmen davon, Kleidung zu verkaufen. Jede Kampagne oder Aktion, die Patagonia als nachhaltiges Unternehmen kennzeichnet, sorgt dafür, dass noch mehr Kleidung verkauft wird. Durch die Aktionen des Unternehmens wirkt es so, als würden es versuchen, die Belastung auf die Umwelt auszugleichen. Folglich wäre es immer noch besser, Kleidung bei Patagonia neu zu kaufen, als bei einem anderen Unternehmen, welches keine nachhaltigen Bemühungen unterstützt. Letztlich ist es aber immer der nachhaltigere Weg, Kleidung gebraucht zu kaufen oder zu reparieren, so wie es Patagonia auch anbietet. Übrigens auch für Kleidung, die nicht von Patagonia stammt.

Patagonia nimmt für seinen Beitrag an politischen und gesellschaftlichen Aktionen eine Vorbildfunktion ein, die auch andere Unternehmen dazu ermutigen könnte, politisch aktiv zu werden. Eine klare politische Haltung bindet Kund:innen mit ähnlicher Haltung an das Unternehmen und bringt eine Möglichkeit, sich durch das Unternehmen zu positionieren. Außerdem kann so größerer Einfluss entstehen, der für die Lösung gesellschaftlicher Probleme eingesetzt werden kann. Canjou kann sich durch das Fahrrad als Medium des Wandels ebenfalls gesellschaftlich positionieren. Dadurch kann die Marke lokal und aktivistisch die Community der Radfahrer:innen vertreten.

Literatur- und Abbildungsverzeichnis:

4. Eine japanische Sicht auf die Dinge

4.1 Glück & Zufriedenheit mit den Dingen

Glück scheint das Ziel und Streben des menschlichen Lebens zu sein. Wie dieses zu erreichen ist oder gemessen wird, ist jedoch von Kultur zu Kultur sehr unterschiedlich. Laut World Happiness Report sind die Finnen schon seit mehreren Jahren die weltweit glücklichsten Menschen (Happiness of the Younger, the Older, and Those in Between, o. J.). Der OECD Better Life Index zeigt ähnliche Ergebnisse. Gemessen wird hier durch eine Addition von Zufriedenheit in Sektoren wie Job, Lebensraum oder Gehalt. Dementsprechend geht es bei diesen Messungen jedoch mehr um eine Abwesenheit von Leid oder Mangel anstatt um eine Messung des Glücks selbst. Glück wird in der westlichen Welt nämlich oft durch die Abwesenheit von Leid oder Mangel verstanden.

In der japanischen Gesellschaft scheint es ein anderes Verständnis von Glück zu geben. Glück wird dort viel mehr als sinnliche und ästhetische Erfahrung verstanden. Laut dem Soziologen Gerhard Schulze sind Glück und Schönheit eng miteinander verbunden, wodurch sich Glück auch als eine ästhetische Erfahrung verstehen lässt (Schulze, 2008). „Diese ästhetische Erfahrung kann man natürlich überall auf der Welt und in allen Kulturen machen, aber es ist die japanische Ästhetik, die der Versöhnung von Mensch und Natur mit dem Kreislauf des Lebens mehr Aufmerksamkeit und Hingabe geschenkt hat als alle anderen Konzepte der sinnlichen Wahrnehmung und künstlerischen wie angewandten Gestaltung“ (Identity Foundation, 2024, S. 35)

Aus dem japanischen Verständnis von Glück und dem Zusammenhang zwischen Glück und Schönheit bzw. Ästhetik lassen sich drei japanische Prinzipien ableiten. Diese sind in der Gesellschaft weit verbreitet und lassen sich auch in japanischen Handwerkskünsten wiederfinden. Das erste Prinzip ist shibusa, was wörtlich übersetzt Dattelpflaume bedeutet. Es steht aber auch für die Strenge und Klarheit in der japanischen Gartengestaltung. Das zweite Prinzip ist mono no aware, welches die Schönheit des Dahinschwindens beschreibt. Dieses Prinzip passt ebenfalls zum japanischen Gedanken, dass Glück zwar allgegenwärtig und für ein Leben lang gegeben ist, aber schwindet und wiederkommt. Im antiken ostasiatischen Werk: Buch der Wandlungen wird dieses Verhältnis bereits beschrieben: „Das Wichtigste am Glück ist der Zweifel daran, dann bleibt es dir treu“ (Diederichs & Wilhelm, 2013). Das dritte Prinzip ist Wabi-Sabi, welches die Schönheit des Imperfekten beschreibt. Aus diesen Prinzipen ergibt sich ein ganz anderer und emphatischer Umgang mit Umfeld und Natur. Es entsteht viel mehr das Ziel, mit der Natur und dem Umfeld zu arbeiten, anstatt sich darüber zu erheben und derer Herr zu werden.

In der Neurowissenschaft lässt sich das Glück ebenfalls in drei Elemente unterteilen. Hier geht es aber mehr um drei Phasen, die oft auch mit verschiedenen Altersstufen erst erreicht werden können. Die erste Form des Glücks ist die Vorfreude. Die Freude, die man empfindet, wenn man sich nach etwas sehnt oder Appetit auf sein Lieblingsessen hat. Das Gehirn ist dann in positiver Erwartung oder Ekstase. Möglicherweise ist man sogar positiv aufgeregt. Dieser Zustand ist im Kindes- und Jugendlichen-Alter besonders ausgeprägt. Auch wenn man sich als erwachsender Mensch vielleicht noch auf ein Weihnachtsgeschenk freut, war die Vorfreude auf Heiligabend als Kind wahrscheinlich größer und intensiver. Die zweite Form des Glücks ist das Erleichterungsglück, welches wir verspüren, wenn wir Unglück vermeiden. Ein solches Glück entsteht, wenn man z. B. dem anderen Auto um Haaresbreite den Spiegel doch nicht abgefahren hat. Diese Form des Glücks erleben vermehrt Menschen, die sich im mittleren Lebensabschnitt befinden und dementsprechende Verantwortung tragen müssen. Die letzte Form des Glücks ist die Zufriedenheit oder Glückseligkeit. Sie ist vermehrt bei älteren Menschen zu finden. Sie beschreibt einen Zustand, der aus einem selbst entsteht und weder Vorfreude in der Zukunft noch Erleichterungsglück in der Vergangenheit ist. Diese Form des Glücks durch Zufriedenheit und Glückseligkeit ist ein Zustand, in dem man angekommen und zufrieden ist.

Da all diese Formen des Glücks eine sinnliche oder ästhetische Erfahrung sind, ist es möglich, dass Dinge oder Tätigkeiten mit Dingen diese Formen des Glücks hervorrufen. Die Ausstellung „Japanisches Glück: Auf der Suche nach dem Glück des inneren Friedens durch ästhetische Erfahrung“, die von Prof. Philipp Teufel mitgestaltet wurde, stellt Dinge aus, die eine besondere Form von Glück durch sinnliche und ästhetische Erfahrung hervorrufen.

Der in Abbildung 6 gezeigte Vorschlaghammer besteht aus 14 Schichten Stahl und wurde aus alten Nägeln gefertigt. Koshiki Tanrenjo fertigt die Hämmer in seiner Werkstatt alleine in Handarbeit. Sie zeichnen sich durch höchste Funktionalität und ästhetische Schönheit aus. Auch wenn Koshiki Tanrenjo bei der schweißtreibenden Herstellung nicht glücklich aussieht, erzählt er, dass er bei seiner Arbeit sehr glücklich sei. Die großen Mühen bei der Erstellung des Hammers und die Schönheit des Ergebnisses am Ende beinhalten für ihn sein tägliches Glück, welches sich von ihm auf die Benutzer:innen seiner Werke überträgt.

Abbildung 6: Genno-Vorschlaghammer von Koshiki Tanrenjo (Identity Foundation, 2024)

Ein Beispiel für die Umsetzung von Wabi-Sabi und der Schönheit des Imperfekten ist die in Abbildung 7 gezeigte Teeschale aus einem Brennofen von Ueda Naokata IV. und Takahashi Rakusai III. Die Ästhetik der Keramik erinnert an Teeschalen, die besonders in der Momoyama-Zeit wegen ihrer rauen und naturbelassenen Anmutung verwendet wurden. Die natürlichen Glasspuren und Farbverläufe entstehen bei der Herstellung im Brennofen bei über 1200 Grad. So entsteht ein Objekt, welches das Glück von Wabi-Sabi in ganzem Maße ausstrahlt.

Abbildung 7: Chawan von Ueda Naokata IV (Identity Foundation, 2024)

Diese in Abbildung 8 gezeigten Becher aus Titan verkörpern die Strenge und Klarheit des Shibusa-Prinzips. Titan ist ein Werkstoff, der viele Vorteile für Geschirr bietet. Er ist sehr leicht, hat eine hohe Festigkeit und kann somit sehr dünn verarbeitet werden. Außerdem leitet er kaum Wärme und rostet nicht. Durch diese Eigenschaften ist Titan aber sehr schwierig zu verarbeiten und kann zu schnellem Verschleiß von Werkzeugen führen. Diese Trinkbrecher von SUS, Tsubame werden dennoch aus Titan gefertigt, um beim Benutzen einen glücklichen Trinkmoment zu schaffen.

Abbildung 8: Titan-Becher von SUS, Tsubame (Identity Foundation, 2024)

Durch diese Objekte wird deutlich, dass Glück mit Dingen entstehen kann. Materialität, Qualität und Herstellung können durch Objekte verkörpert werden und zu Glück in der Benutzung führen. Auf dieses Glück durch Materialität, Qualität und Herstellung soll durch Canjou aufmerksam gemacht werden. Aber auch die Faszination des Imperfekten kann eine Form von Glück hervorrufen, was sich Canjou besonders durch Reparatur, die ihre Makel nicht versteckt, zunutze machen kann.

4.2 Kintsugi & Reparatur als Aufwertung

Kintsugi kommt aus dem Japanischen und bedeutet wörtlich übersetzt so viel wie goldenes Zusammensetzen. Der Begriff kintsukuroi, welcher goldene Reparatur bedeutet, beschreibt die gleiche Technik. Einfach gesagt besteht die Reparaturtechnik aus dem Zusammensetzen von zerbrochener Keramik, wodurch ein neues Objekt entsteht. Die einzelnen Teile werden durch Kitt verklebt und mit Gold übermalt. Zentraler Bestandteil ist es, die Reparaturstellen nicht zu verstecken, sondern durch das Gold hervorzuheben. Kintsugi versucht dadurch ein zentrales Problem im Umgang mit Gegenständen zu lösen: Familienerbstücke, besonders im Fall von Kintsugi, sind oft mit Erinnerungen an Personen verknüpft. Zerbricht ein solches Objekt, birgt dies einen großen Verlust. Das Objekt ist nicht mehr nutzbar. Sich von den Überresten zu trennen, wird der Vergangenheit des Objekts nicht gerecht. Eine einfache Reparatur macht in jedem Fall auf die zerbrochenen Stellen aufmerksam, auch wenn es das Ziel ist, diese zu verstecken. Durch eine Reparatur in Form von Kintsugi wird das Objekt zu einer neuen Entität. Die klaren goldenen Linien betonen die Geschichte mehr als sie zu verstecken. Diese Aufwertung macht es zu einem stärkeren und schöneren Objekt. Diese Herangehensweise lässt sich auf viele Objekte mit emotionalem oder materiellem Wert übertragen.

Abbildung 9: Kintsugi-Schale („Kintsugi“, 2025)

Die ästhetischen Ursprünge von Kintsugi stammen aus dem späten 16. bis frühen 17. Jahrhundert aus Japan. Drei Komponenten formten die Reparaturmethode: die Opulenz der Mamoyama Ära, die politische und ökonomische Wichtigkeit von chanoyu, sowie die maki-e Lackdekorationstechnik (Kemske, 2021, S. 13). Durch die Mamoyama Ära vereinigten sich im Krieg befindliche Reiche Japans militärisch, was für einen Aufschwung von Kultur und Handel sorgte. Auch das Zelebrieren von Teezeremonien, welche im japanischen chanoyu benannt werden, nahm durch vermehrten Handel und Fokus auf Kultur zu. Die nun folgende Edo-Periode sorgte dann für das Aufleben von der Lackkunst maki-e. So entwickelten sich Wohlstand, Kultur und die daraus folgenden Teezeremonien, um später in Kintsugi fortgeführt zu werden.

Auch in der japanischen Natur finden sich viele Bezüge, die in der Reparaturkunst zu erkennen sind. Die US-amerikanische Autorin Bonnie Kemske schreibt aus einem Tagebucheintrag von 1980 in Kyoto: „It’s November and the Icho are at their most golden and lavish. The bus has stopped to pick up passengers, and on the house beside us the leaves have fallen with the early dew into the valleys formed by the rows of tiles – channels of dark gold leaves contrast the sombre tiles.” (Kemske, 2021, S. 13). Auch die Risse, die im Kintsugi gekittet werden, finden sich in der japanischen Natur wieder: „In Kyushu I came across wall of fitted stones that create endless paths of cracks, all covered with a patina of delicate climbing plants. […] even the tress had beautiful cracks.” (Kemske, 2021, S. 14).


Im Japanischen gibt es außerdem das Sprichwort „Katachi aru mono subete kowareru.“ Übersetzt bedeutet dies so viel wie: „Alles, was eine Form hat, bricht.“ Dies zeigt bereits, dass es in der japanischen Kultur einen ganz anderen Umgang mit Imperfektion und kaputten Dingen gibt. Sie scheinen ganz einfach zum Leben dazuzugehören. Dinge zu reparieren scheint für uns Menschen gänzlich normal zu sein, was die Philosophin Elizabeth Spelman in ihrem Werk Repair: the impulse to restore in a fragile world als „homo reparans“ beschreibt (Spelman, 2002). Dennoch ist die Ansicht, durch Kintsugi ein neues Objekt zu schaffen, welches sogar stabiler und schöner als das alte ist, für die japanische Reparaturtechnik einzigartig. In der europäischen Geschichte des Restaurierens ist es meistens das Ziel, ein Objekt weitestgehend „neu“ herzurichten. Im Kintsugi ist es tatsächlich unerwünscht, dass es einen perfekten Bruch in einem Objekt gibt, welcher zu wenig Platz für den Kleber lassen würde. Falls dies der Fall ist, würde man im Kintsugi sogar Teile des Originals entfernen, um die Teile wieder besser zusammenkleben zu können. Ganz im Gegenteil zu einem „so gut wie neu“- Ansatz.

Kintsugi versteht sich außerdem als Werkzeug, die Geschichte eines Objekts zu erzählen. Wenn ein Objekt zerbricht, sind die Bruchstellen nicht zufällig. Sie verraten etwas über die Zusammensetzung des Objektes und seine Schwachstellen. Die interne Struktur wird durch die Brüche sichtbar. Um die Geschichte des zerbrochenen Objekts weiterzuerzählen, gibt es im Kintsugi verschiedene Arten der Rekonstruktion. Die Reparatur der Brüche, eine Rekonstruktion und eine Rekonstruktion mit Materialien, die nicht vom Objekt stammen. Ersteres wird im japanischen tomotsugi genannt und beschränkt sich auf das Zusammensetzen der originalen Einzelteile. Falls jedoch ein Teil fehlt, kann es in der Rekonstruktion durch Lack und Gold ersetzt werden. Durch Polieren erscheint dann der Eindruck, das hinzugefügte Teil würde aus purem Gold bestehen. Oft werden an solchen Stellen Elemente aus maki-e Verzierungstechniken verwendet, um Muster aus dem originalen Objekt an der Reparaturstelle weiterzuführen. Fehlende Teile können auch durch andere Materialien ersetzt werden. Diese Technik nennt sich yobitsugi. Hierfür werden oft Teile aus anderen Keramikobjekten verwendet. Außerdem ist es möglich, Stellen der Keramik mit Holz zu reparieren.


Auch wenn es möglich ist, in der Kintsugi Technik mit verschiedenen Materialien zu arbeiten, gibt es meist vier Hauptbestandteile: Keramik, Urushi, Gold und die Teezeremonien. Die Ursprünge der japanischen Keramik lassen sich auf die Jomon-Kultur zurückführen. Von etwa 14.000 bis 300 v. Chr. lebten Jäger, Fischer und Sammler auf den japanischen Inseln und wurden dort sesshaft (Jomon-Zeit, 2024). Die Funde aus der Jomon-Kultur weisen spielerische Verzierungen auf und müssen ein hohes Maß an Können erfordert haben. Dazu gehört nicht nur das Herstellen der Keramiken selbst, sondern auch das Finden der richtigen Tonarten, das Dekorieren der Objekte und das Trocknen sowie Brennen der Tonwaren am offenen Feuer. Die Fähigkeiten, die nötigen Prozesse zu lernen, muss für eine einzelne Person Jahrzehnte gedauert haben. Deshalb erscheint es logisch, dass auch die Menschen der Jomon-Kultur nach Möglichkeiten gesucht haben, ihre Keramiken zu reparieren.

Abbildung 10: Kintsugi-Schale mit Yobitsugi-Reparatur (Stadler, o. J.)

Die Menschen der Jomon-Kultur waren ein Volk, das nicht auf Landwirtschaft spezialisiert war. Dennoch war es ihnen möglich, Plantagen der Urushi-Bäume zu errichten, welche für den zweiten Bestandteil von Kintsugi wichtig sind. Der Saft der Urushi-Bäume wird vom lebenden Baum entnommen. Dabei wird der Baum am Stamm horizontal aufgeschnitten und eine weiße Flüssigkeit tritt aus. Diese variiert stark je nach Jahreszeit, Art des Baumes und Ort. Guter Urushi ist daran zu erkennen, dass er keinen eigenen Geruch hat. Dieser Saft wurde damals schon von den Menschen der Jomon-Kultur verwendet, um Keramiken zu verstärken, zu dekorieren oder Risse zu füllen. Um Urushi für Kintsugi zu verwenden, muss dieser zunächst verarbeitet werden. Die natürliche Form von Urushi wird bis etwa 70 °C erhitzt, um es flüssiger zu machen. Danach wird Watte aus Baumwolle hinzugefügt, um die Flüssigkeit zu einer Art Teig zu kneten. Später werden die Bestandteile durch eine Zentrifuge geteilt, erhitzt und der Wasseranteil reduziert. So können verschiedene Glanzstufen und Farben erreicht werden. Urushi wird mit einem Pinsel zur Reparatur aufgetragen und kann sowohl als Kleber, Füllmaterial oder Schutzschicht für das Gold verwendet werden. Um es zu trocknen, sind eine hohe Luftfeuchtigkeit und Temperaturen von 25 °C bis 30 °C notwendig. Auch dann dauert das Trocknen noch sehr lange, weshalb Kintsugi- Reparaturen mehrere Monate dauern können.

Auch wenn gelegentlich andere Metalle für die Verzierung der Reparaturen verwendet werden, ist Gold am üblichsten. Es ist resistent gegen Oxidation, der Glanz bleibt erhalten und es zeigt unmittelbar den Wert der Reparatur. Außerdem soll Gold den Geschmack von z. B. Matcha-Tee verbessern, wie eine Studie des University College London’s Institute of Making belegt: Der Geschmack wurde als weich und süß, sehr angenehm, weich, fast cremig und harmonisch beschrieben (Laughlin et al., 2011). Silber verändert sich mit der Zeit, wird unauffälliger und passt sich an das reparierte Objekt an. Wenn die Reparatur unauffälliger sein soll, ist Silber gegenüber Gold zu bevorzugen.

Das letzte Element von Kintsugi ist chanoyu, die Teezeremonie. Sie wurden durch den Buddhismus nach Japan gebracht und beeinflusste die japanische Kultur stark. Auch die Ästhetik, die durch die Teezeremonie und ihre Werkzeuge nach Japan kam, ist in Kintsugi weitergeführt worden. Die Utensilien zu pflegen und zu erhalten, wurde zu einem wichtigen Bestandteil der Zeremonien.

Eine Kintsugi-Reparatur folgt meistens einem ähnlichen Ablauf. Zunächst werden die Verbindungsstellen der Einzelteile mit Urushi bestrichen. Eine festere Form von Urushi wird danach auf dieselben Stellen aufgetragen. Dann werden die Einzelteile zusammengesetzt und überschüssiges Urushi entfernt. Die Teile werden dann mit Bändern zusammengehalten, bis der Kleber getrocknet ist. Weitere offene Stellen werden mit einer Masse aus Urushi, Stärkeleim und feinen Sägespänen gefüllt. Dieses Material wird mit einem Bambus-Spachtel aufgetragen. Dieser Prozess wird mit einem flüssigeren Füllmaterial nochmals wiederholt. Danach wird auf die reparierten Stellen erneut Urushi aufgetragen, damit das Goldpulver später auf den richtigen Stellen kleben bleibt. Das Pulver wird nun mit einem Pinsel auf die noch feuchten Stellen gestreut. Nach dem Trocknen wird das Gold erneut mit Urushi fixiert. Überschüssiges Material wird mit Reispapier abgerieben und die restlichen vergoldeten Stellen in mehreren Schritten poliert. Damit ist die Reparatur abgeschlossen.

Abbildung 11: Prozess einer Kintsugi-Reparatur (IVY & GAULT, o. J.)

Kintsugi findet auch in zeitgenössischen Objekten und Kunst immer wieder Anwendung. Die koreanische Künstlerin Yee Sookyung beschäftigt sich mit den Themen Zerbrechen und Zusammensetzen und verarbeitet die Kintsugi-Ästhetik in ihren Werken Translated Vases zu neuen, monumentaleren Objekten, die sich aber noch auf die ursprüngliche Keramik beziehen. Claudia Clare benutzt das Element des Zerbrechens, um in ihren Werken auf Gewalt aufmerksam zu machen, die Frauen angetan wurde und um ihre Geschichten zu erzählen.
Kintsugi wurde durch seine Popularität immer weiter kommerzialisiert. Es werden Workshops angeboten oder Gegenstände in Kintsugi-Ästhetik verkauft, die nie zuvor zerbrochen waren. Yoko Ono arbeitete z. B. mit dem italienischen Kaffeeunternehmen illy und vermarktete ein Set von Espressotassen. Außerdem fällt häufig auf, dass Nachahmungen das gleiche Reparaturmuster wie andere Objekte aufweisen. Dies kann bei einer richtigen Reparatur niemals passieren.

Kintsugi ist in der japanischen Kultur aber noch über Objekte hinaus ein wichtiger Bestandteil. Es wird oft metaphorisch für das Leben gesehen und für die Heilungsprozesse, die ein Mensch durch Verluste, gescheiterte Beziehungen oder Traumata durchlebt. Eine Verbindung, die Kintsugi mit dem japanischen Gedanken Wabi-Sabi teilt.

„Wabi“ hat einen großen Bezug zur Teezeremonie und anderen japanischen Künsten. Wabi bedeutet wörtlich übersetzt so viel wie Einsamkeit, Elend oder sich verloren fühlen. Es kann sich aber genauso auf Objekte beziehen, die beschädigt sind oder einen Fehler haben. Die Grundideen von Wabi entstammen dem Zen-Buddhismus. Sie befassen sich mit Vergänglichkeit und Sterblichkeit. Auch wenn dies erst mal negativ klingt, leiten sich daraus auch Attribute wie Dankbarkeit und Akzeptanz ab.

Im 15. Jahrhundert etablierte sich der Zen-Buddhismus aus China immer weiter in Japan. Die philosophischen Werte des Buddhismus standen im starken Kontrast zur Opulenz der Muromachi-Periode in Japan. Meditation, Einfachheit und Askese änderten die Auffassung vom Begriff Wabi. Durch die Tugenden des Buddhismus wurde Wabi nun mehr als Melancholie, Zufriedenheit und Besinnlichkeit verstanden. Auch Merkmale des Taoismus, welcher das Leben in Einklang mit der natürlichen Ordnung und des Universums sieht, prägten den Begriff Wabi. Sabi wird oft in Verbindung mit Wabi genannt und beschreibt die Verbesserungen und Wertzunahme, die ein Objekt mit seinem Alter erlangen kann (The School of Life, 2015).

Die Ideen von Wabi-Sabi wurden durch Sen no Rikyu im späten 16. Jahrhundert in die Teezeremonien Japans eingebunden (The Philosophical Origins of Wabi Sabi – Wabi Sabi, 2023). Er verbreitete Reinheit, Gelassenheit und das Zulassen von Imperfektion in der Teezeremonie. Diese Werte übertrugen sich dann auch auf die nötigen Werkzeuge. Während der Edo-Periode weiteten sich die Werte von Wabi-Sabi auf größere Teile der Gesellschaft aus, welche dann die Ausbreitung von Kintsugi ermöglichten.

Ein weiterer Begriff, der mit Kintsugi und Wabi-Sabi in Verbindung gebracht wird, ist Mushin. Mushin wird oft mit Bewusstsein ohne Bewusstsein übersetzt und beschreibt einen Geisteszustand, in dem es kein Selbsturteil, keine Angst und kein Ego gibt. Das höchste Ziel ist die Akzeptanz des Lebens wie es ist, mit den Dingen, die passieren und die passiert sind. Somit bieten Kintsugi, Wabi-Sabi und Mushin Erinnerung daran, dass Verletzung, Verlust und Zerstörung Teile des Lebens sind.

Kintsugi beinhaltet somit einen Lösungsansatz wie Gegenstände ästehtisch aufgewerten und mit Geschichte und Symbolik aufgeladen werden können. Im Gegensatz zur Kritik von Boltanski und Esquerre entsteht im Fall von Kintsugi eine gestärkte Mensch und Objekt Beziehung. Das Narrativ wird durch Reparatur weitergeschrieben und Imperfektion kann als Stärke verstanden werden. Benutzung, Bruch und Wiederherstellung werden zu Trägern von Erinnerungen und stärken die Beziehung.

Literatur- und Abbildungsverzeichnis:

Nachwort

Aus der nun vorangegangenen Arbeit ergibt sich die generelle Problemlage des Themas und mögliche Ansätze sowie Gestaltungsideen. Insgesamt lässt sich sagen, dass aus aktuellen Konsumstandards und dem generellen Verhältnis von Mensch und Objekt problematische Ausmaße in Bezug auf Klima und Klimawandel entstehen. Die Zahl der Besitztümer in Haushalten steigt an und Reparatur sowie Weiterverwendung scheint dem Neukauf von Gegenständen gewichen zu sein. Wie im Kapitel zu Mensch und Objekt beschrieben, ist aus dem Gebrauch von Gegenständen ein Aufbrauchen geworden. Dies liegt einerseits an der Beschaffenheit der Dinge, aber auch daran, wie sie verkauft und vermarktet werden. Objekte scheinen in ihrem Gebrauch die wesentliche Befriedigung, die ihnen innewohnte, nicht mehr zu liefern. Gleichzeitig wird durch die narrative Aufladung ein Bedürfnis geschaffen, welches nicht zu befriedigen ist oder später seinen Wert verliert. Daraus entsteht ein Verlangen nach erneutem Konsum. Dieses veränderte Verhältnis lässt sich auch auf das Objekt Fahrrad übertragen, welches gesellschaftlich und soziokulturell ein wichtiger und aufgeladener Gegenstand ist. Das Fahrrad als Objekt der Selbstbestimmung und „Vehikel des Wandels“ diente zum Erkämpfen von Rechten, zeigte gesellschaftliche Missstände auf und lässt sich auch heute noch als Maßstab nutzen, um menschengerechte Städte zu planen. Um nun das gesellschaftlich wichtige Objekt Fahrrad so zu wandeln, dass es nachhaltig den Menschen als Vehikel für gesellschaftliche Veränderung dienen kann, sollen die Werte aus der japanischen Reparaturkultur das Objekt aufwerten und damit die Mensch-Objekt-Beziehung zurückbringen. Prinzipien aus Kintsugi und Wabi-Sabi lehren uns, wie Objekte durch Reparatur eine Aufwertung erfahren können und wie Imperfektion Dingen eine Seele verleihen kann. Aus der Ausstellung Japanisches Glück: Auf der Suche nach dem Glück des inneren Friedens durch ästhetische Erfahrung kann abgeleitet werden, welche Anforderungen an einen Gegenstand gestellt werden müssen und wie er hergestellt oder repariert werden muss, um der benutzenden Person sein Glück zu übertragen. Aus diesen Erkenntnissen soll nun die Fahrradmarke Canjou entstehen. Canjou versteht Reparatur als gestalterisches und kulturelles Statement. Die Marke solle Menschen dazu ermächtigen CFK-Teile zu verstehen und zu reparieren. Diese Reparaturen sollen als neue Sammlung von Narrativen verstanden werden. Die theoretische Auseinandersetzung hat gezeigt, dass durch eine Stärkung der Mensch-Ding-Beziehung und ein Verständnis von Reparatur als Aufwertung eine veränderte Konsumhaltung entstehen kann. Diese Haltung und Ermächtigung lässt sich besonders auf den soziokulturell wichtigen Gegenstand des Fahrrads übertragen.